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Assistierte Fortpflanzung : Der unbedingte Kinderwunsch

  • -Aktualisiert am

Ein Recht auf ein eigenes Kind gibt es nicht: Eine Mutter hält die Hand ihres Neugeborenen. Bild: Picture-Alliance

Wer kümmert sich dabei um das Wohl und die Rechte der Kinder? Die Journalistin Eva Maria Bachinger unterzieht die Angebote zu assistierter Fortpflanzung einer harten Kritik.

          Kinder sind keine Selbstverständlichkeit mehr, Kinderhaben ist zu einem Projekt geworden, das sich nach Wunsch verwirklichen lassen soll und bei dem nichts schiefgehen darf. Österreich hat seit Jahresbeginn ein neues, im Vergleich zum deutschen Pendant, liberaleres Fortpflanzungsmedizingesetz: Es erlaubt die Eizellspende, und die Präimplantationsdiagnostik kann häufiger angewendet werden. „Doch kaum war das Gesetz beschlossen, drängten Mediziner auf weitere Öffnungen“, so die österreichische Journalistin und Autorin Eva Maria Bachinger. In ihrem neuen Buch fragt sie: Wem nützt das eigentlich? Sie hat mit Fortpflanzungsmedizinern gesprochen, mit unfreiwillig Kinderlosen, mir Eizellspenderinnen und Leihmüttern. Und ein international organisiertes Business gefunden, das reichen Gewinn generiert und viel Leid. Und dem es um zwei Dinge zuallerletzt zu gehen scheint: um das Wohl und die Rechte der Kinder.

          Wir hätten uns daran gewöhnt, dass wir bekommen, was wir wollen, wenn wir nur genug Geld investieren, konstatiert die Autorin. In der Fortpflanzungsmedizin bedingten sich Angebot und Nachfrage so, dass der Hinweis auf die Möglichkeit, ein Kind zu adoptieren, von vielen Paaren, die nicht auf natürliche Weise Eltern werden können, inzwischen als Zumutung zurückgewiesen werde. Ein eigenes Kind muss es sein, selbst im fortgeschrittenen Alter. Auch wenn die Datenbasis, auf der die Unbedenklichkeit der nötigen Technologien behauptet wird, eher fragwürdig ist. Und wenn es sie in Niedriglohnländern günstiger gibt, umso besser. „Discount! Best Deal! 9900 Euro, unlimitierte Versuche, Rückzahlung bei negativem Ergebnis“, wirbt eine Klinik in Kiew. Außerdem gibt es das „29.000-Euro-Inklusiv-Leihmutterschafts-Paket“. In der Fortpflanzungsmedizin kann es mitunter zugehen wie in der globalen Industrie: Eizelle aus dem Kaukasus, Befruchtung in den Vereinigten Staaten, dann Parallelschwangerschaften verschiedener Leihmütter in Indien.

          Eva Maria Bachinger: „Kind auf Bestellung“. Ein Plädoyer für klare Grenzen. Deuticke Verlag, Wien 2015. 256 S., geb., 19,90 €.

          Natürlich leugnet Bachinger nicht, dass die Einsicht schmerzt, auf natürlichem Wege kein Kind bekommen zu können. Und dass Frauen oft unter Rechtfertigungsdruck stehen, wenn sie keine Kinder haben. Doch sie zeigt, was Menschen sich und anderen damit antun, ihren Kinderwunsch auf jede medizinisch mögliche Weise zu verfolgen - und plädiert dafür, nicht alles Machbare auch zu tun. Ob altmodisch oder nicht, wir sollten uns damit abfinden, dass sich in unserem Leben Wesentliches unserer Kontrolle entzieht.

          Mal mehr, mal weniger biologistisch argumentiert

          Es gibt kein Recht auf ein Kind. Aber es gibt das Recht des Kindes auf Kenntnis seiner Herkunft, auf Schutz vor und nach der Geburt und das Recht, nicht gegen Geld gehandelt zu werden. In den Fortpflanzungskliniken, kritisiert Bachinger, sähen die Kunden vor allem Bilder glücklicher Eltern mit süßen Kindern im Arm und geschönte Erfolgsbilanzen. Von den Risiken und Qualen hormoneller Stimulationstherapien, von Knebelverträgen für Leihmütter, die oft gar nicht lesen können, der Entlohnung der Eizellspenderinnen und von den Gewinnen der Kliniken erfahren sie nicht.

          Bachinger vergleicht die gesetzlichen Reglungen der verschiedenen Länder, deren unterschiedliche Handhabung der Fortpflanzungsmedizin einen Fortpflanzungstourismus mit sich bringe, und analysiert den Diskurs der Ärzte, Politiker und Ethikkommissionen. Ganz nach Bedarf wird da mal mehr, mal weniger biologistisch argumentiert: Ist es mit einer In-vitro-Fertilisation getan, geht es um das genetisch eigene Kind. Ist eine Eizell-, eine Samen- oder gleich eine Embryospende nötig, ist es das Umfeld, das das Kind zum eigenen macht.

          Bachingers Buch ist kein Fachbuch, es ist, wie der Untertitel ankündigt, ein Plädoyer, meinungsstark und aufrüttelnd. Die Argumentationsstruktur leidet manchmal an der Empörung der Autorin über einen Kinderwunsch, bei dem das Kind vor allem etwas ist, was man unbedingt haben muss. Doch für das Anliegen, die egoistische „Erste Welt“ zum Nachdenken zu bringen, sind dem Buch Leserinnen zu wünschen.

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