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Kiezdeutsch : Ischwör, morgen bin ich Arzt!

  • -Aktualisiert am

Kiezdeutsch: Eine Sprache erobert die Schulhöfe Bild: AP

Wenn Minimalgrammatik zur Sprachreform verklärt wird: Die Soziolinguistin Diana Marossek traut dem Kiezdeutschen einiges zu. Ihre Untersuchung überzeugt, ihre Prognose nicht.

          4 Min.

          Kiezdeutsch ist ein Dauerbrenner - seit mehr als einem Jahrzehnt beschäftigen sich Medien und populärwissenschaftliche Bücher mit seiner pidginartigen Minimalgrammatik („Er muss Amt“), seinen Pöbelritualen („Deine Mutta is so fett, brauch Kran“), seinen Lautverschiebungen und Floskeln („Ischwör“). Was bringt das Buch der Berliner Sprachwissenschaftlerin Diana Marossek Neues zum Thema? Wenig, was das Kiezdeutsch als solches angeht. Was die Autorin zu seinen grammatischen, lautlichen und sozialen Merkmalen schreibt, war großenteils schon andernorts zu lesen. Informativ sind diese im lockeren Plauderton gehaltenen Schilderungen also vor allem für Neulinge auf dem Gebiet.

          Allerdings geht es der Autorin nicht um eine bloße Beschreibung dieses Ethnolekts, sondern vor allem um seine Auswirkungen auf das „normale“ Deutsch jenseits der mulitikulturellen Kontaktzonen in Berlin, Köln oder Hamburg. Marossek glaubt, dass sich die grammatischen Schrumpfformen zunehmend in die Mitte der deutschen Umgangssprache hinein ausbreiten werden. In etwa fünfzehn Jahren, so ihre Schätzung, könnten solche Konstruktionen im mündlichen Umgang als völlig normal gelten.

          Anni geht Kino

          Wenn dann also ein Busfahrer mitteilt, „Morgen bin ich Arzt“, wird das niemand mehr für die Ankündigung einer medizinischen Blitzkarriere halten. Ähnliche Prognosen zur Kreolisierung des Deutschen haben freilich schon andere Linguisten zuvor verkündet. Bislang waren die empirischen Belege so dünn wie die Thesen steil. Da darf man gespannt sein, was Diana Marossek zu bieten hat. Ihr Fokus liegt auf den bekannten Konstruktionen à la „Anni geht Kino“, bei denen die Verschmelzungen aus Präposition und Artikel (zum, ins, beim) ausgelassen werden.

          Bild: Birgit Röth

          Mit solchen „Kontraktionsvermeidungen“ umgehen vor allem Immigranten mit türkischer oder arabischer Muttersprache die Schwierigkeiten, die das deutsche Artikelsystem in Kombination mit den unterschiedlichen Präpositionen mit sich bringt. Begünstigt wird die Verbreitung dieses Sprachgebrauchs Marossek zufolge dadurch, dass ähnliche Sparmodelle auch in der herkömmlichen deutschen Umgangssprache bereits angelegt sind. Einige Beispiele, die sie anführt („Wir fahren Genf“, „Er ist auf Arbeit“), zeigen allerdings einen laxen Umgang mit dem Begriff „Kontraktionsvermeidung“, denn hier werden zwar Präpositionen oder Artikel, aber keine Kontraktionen ausgespart.

          Kommunikative Einschränkung oder sprachökonomische Reform?

          Gravierender ist jedoch, dass Marossek verschmolzene und unverschmolzene Formen als bedeutungsgleich ansieht und darüber hinweggeht, dass „zum Arzt“ zu gehen etwas anderes ist, als „zu dem Arzt“ zu gehen. Dabei wäre es doch interessant zu erfahren, ob oder wie sich solche Bedeutungsunterschiede auf Kiezdeutsch ausdrücken lassen. Doch die Möglichkeit, dass grammatische Vereinfachungen kommunikative Einschränkungen mit sich bringen könnten, nimmt die Autorin nicht in den Blick. Wie die meisten Kiezdeutsch-Forscher sieht sie hierin nur den Abbau unnötiger Komplikationen der deutschen Grammatik - eine überfällige Reform im Zeichen der Sprachökonomie.

          Marosseks Befunde zum Sprachwandel basieren - wie ein Großteil ihres Buches - auf den Ergebnissen ihrer Doktorarbeit. Um festzustellen, wo und wie weit sich die Kontraktionsvermeidung bereits verbreitet hat, besuchte sie, getarnt als Referendarin, dreißig über ganz Berlin verteilte Schulen aller Typen und notierte dort die Unterrichts- und Pausengespräche von Acht- und Zehntklässlern. Von dieser Expedition durch die jugendsprachliche Landschaft von der Hauptschule in Wedding bis zum Gymnasium in Steglitz hat sie eine beeindruckende Menge sprachlicher Daten mitgebracht.

          Wenn Lehrer Kiezdeutsch sprechen

          Die Ergebnisse sind gemischt: In vielen Schulen ist die Kontraktionsvermeidung mittlerweile fester Bestandteil einer kiezdeutsch gefärbten Jugendsprache, die die Schüler - mit oder ohne Migrationshintergrund - vor allem untereinander benutzen, um die Zugehörigkeit zur Gruppe und den eigenen Status zu bekräftigen. Meistens bleiben die grammatischen Kurzformen auf ihre Rolle als identitätsstiftendes Symbol in Abgrenzung zu den älteren Generationen beschränkt, während die Schüler im Unterricht problemlos ins Standarddeutsche wechseln.

          In den sozialen Brennpunkten allerdings kam die Autorin auch in Schulen, in denen Migrantenkinder kiezdeutsch sprechen, weil sie nicht anders können. Von den Lehrern, die vollauf damit beschäftigt sind, einen halbwegs geordneten Unterricht aufrechtzuerhalten, werden sie nicht korrigiert - etliche Pädagogen übernehmen die Kontraktionsvermeidungen sogar in ihren eigenen Sprachgebrauch. In dieser Atmosphäre unterwerfen sich auch Schüler, die korrekt sprechen könnten, dem sprachlichen Gruppendruck, um sozial zu überleben. Das gilt auch für die hier nur noch vereinzelt anzutreffenden Schüler mit deutscher Muttersprache.

          Guten Tag! Oder auch: Hey Kartoffelfresse!

          So deutlich beschreibt Marossek die sprachlich-sozialen Machtverhältnisse allerdings nur in ihrer Dissertation. Gegenüber dem breiteren Publikum ihres Sachbuchs vermeidet sie dunklere Töne. Hier dominiert die Botschaft von der Lebendigkeit und Innovationskraft des Kiezdeutschen. In diesem Licht erscheinen auch die rituellen Beschimpfungen im Getto-stil als Bekundungen wechselseitigen Respekts, ja geradezu als umgekehrte Form der Höflichkeit, obwohl deren Schlüsselwörter („Opfer“, „Spast“, „behindert“, „Kartoffelfresse“, „Dönerknecht“) den Wächtern politisch-korrekten Sprechens eigentlich ebenso den Schlaf rauben müssten wie den Integrationsbeauftragten.

          Dass Pidgin-Formen sich in der aktuellen Jugendsprache der Hauptstadt mittlerweile einen festen Platz erobert haben, zeigt Marosseks Untersuchung durchaus überzeugend. Für ihre darüber hinausgehenden Prognosen gilt das aber nicht. Die Behauptung, dass solche Muster bereits gehäuft in der deutschen Umgangssprache erwachsener Durchschnittsbürger jenseits von Schulhof, Klassenzimmer und Jugendtreff vorkämen, beruht auch bei ihr nicht auf systematischen Untersuchungen, sondern auf einzelnen Beobachtungen, subjektiven Eindrücken und Annahmen, die man teilen mag oder auch nicht.

          Der Rezensent teilt sie nicht und erlaubt sich - ebenso subjektiv - zu widersprechen: In den vielen Gesprächen, die er in Hamburg so aufschnappt, erfreuen sich die Präpositionen und Artikel guter Gesundheit - verschmolzen wie unverschmolzen.

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