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Kiezdeutsch : Ischwör, morgen bin ich Arzt!

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Kiezdeutsch: Eine Sprache erobert die Schulhöfe Bild: AP

Wenn Minimalgrammatik zur Sprachreform verklärt wird: Die Soziolinguistin Diana Marossek traut dem Kiezdeutschen einiges zu. Ihre Untersuchung überzeugt, ihre Prognose nicht.

          Kiezdeutsch ist ein Dauerbrenner - seit mehr als einem Jahrzehnt beschäftigen sich Medien und populärwissenschaftliche Bücher mit seiner pidginartigen Minimalgrammatik („Er muss Amt“), seinen Pöbelritualen („Deine Mutta is so fett, brauch Kran“), seinen Lautverschiebungen und Floskeln („Ischwör“). Was bringt das Buch der Berliner Sprachwissenschaftlerin Diana Marossek Neues zum Thema? Wenig, was das Kiezdeutsch als solches angeht. Was die Autorin zu seinen grammatischen, lautlichen und sozialen Merkmalen schreibt, war großenteils schon andernorts zu lesen. Informativ sind diese im lockeren Plauderton gehaltenen Schilderungen also vor allem für Neulinge auf dem Gebiet.

          Allerdings geht es der Autorin nicht um eine bloße Beschreibung dieses Ethnolekts, sondern vor allem um seine Auswirkungen auf das „normale“ Deutsch jenseits der mulitikulturellen Kontaktzonen in Berlin, Köln oder Hamburg. Marossek glaubt, dass sich die grammatischen Schrumpfformen zunehmend in die Mitte der deutschen Umgangssprache hinein ausbreiten werden. In etwa fünfzehn Jahren, so ihre Schätzung, könnten solche Konstruktionen im mündlichen Umgang als völlig normal gelten.

          Anni geht Kino

          Wenn dann also ein Busfahrer mitteilt, „Morgen bin ich Arzt“, wird das niemand mehr für die Ankündigung einer medizinischen Blitzkarriere halten. Ähnliche Prognosen zur Kreolisierung des Deutschen haben freilich schon andere Linguisten zuvor verkündet. Bislang waren die empirischen Belege so dünn wie die Thesen steil. Da darf man gespannt sein, was Diana Marossek zu bieten hat. Ihr Fokus liegt auf den bekannten Konstruktionen à la „Anni geht Kino“, bei denen die Verschmelzungen aus Präposition und Artikel (zum, ins, beim) ausgelassen werden.

          Mit solchen „Kontraktionsvermeidungen“ umgehen vor allem Immigranten mit türkischer oder arabischer Muttersprache die Schwierigkeiten, die das deutsche Artikelsystem in Kombination mit den unterschiedlichen Präpositionen mit sich bringt. Begünstigt wird die Verbreitung dieses Sprachgebrauchs Marossek zufolge dadurch, dass ähnliche Sparmodelle auch in der herkömmlichen deutschen Umgangssprache bereits angelegt sind. Einige Beispiele, die sie anführt („Wir fahren Genf“, „Er ist auf Arbeit“), zeigen allerdings einen laxen Umgang mit dem Begriff „Kontraktionsvermeidung“, denn hier werden zwar Präpositionen oder Artikel, aber keine Kontraktionen ausgespart.

          Kommunikative Einschränkung oder sprachökonomische Reform?

          Gravierender ist jedoch, dass Marossek verschmolzene und unverschmolzene Formen als bedeutungsgleich ansieht und darüber hinweggeht, dass „zum Arzt“ zu gehen etwas anderes ist, als „zu dem Arzt“ zu gehen. Dabei wäre es doch interessant zu erfahren, ob oder wie sich solche Bedeutungsunterschiede auf Kiezdeutsch ausdrücken lassen. Doch die Möglichkeit, dass grammatische Vereinfachungen kommunikative Einschränkungen mit sich bringen könnten, nimmt die Autorin nicht in den Blick. Wie die meisten Kiezdeutsch-Forscher sieht sie hierin nur den Abbau unnötiger Komplikationen der deutschen Grammatik - eine überfällige Reform im Zeichen der Sprachökonomie.

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