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Midlife Crisis : Der Weg muss dann halt das Ziel sein

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Wer sich statt Brettspiel und Spazierstock in der Lebensmitte nun immer noch lieber einen Sportwagen plus Affäre zulegt, dem ist MIT-philosophisch nicht zu helfen. Bild: dpa

Alles ganz auf Achtsamkeit: In seinem autobiografischen Sachbuch rückt der Philosoph Kieran Setiy als Selfmade-Therapeut der Midlife Crisis zu Leibe.

          „Wenn man schwitzt in die Händ’, auch wenn’s gar nicht so heiß is/ Wenn das kein Beweis is für die Midlife Crisis/ Ich hab’s goar net bemerkt, aber danke, jetzt weiß ich’s“. Sie mögen noch so unken, die Rainhard Fendrichs unserer mittig durchhängenden Welt: Es gibt diesen Moment, in dem wir in den Spiegel blicken – und Balu der Bär blickt zurück. Aber nicht nur die Figur erschlafft. Wir müssen erkennen, dass uns nicht mehr alle Karrieren oder Familienträume offenstehen, dass maximal noch einmal so viele Jahre zu erwarten sind, wie wir schon verjuxt haben. Eine große empirische Studie hat vor elf Jahren herausgefunden, dass die Lebenszufriedenheit von Frauen wie Männern in allen Teilen der Welt die Form einer U-Kurve hat. Im Schnitt erreicht sie im Alter von sechsundvierzig Jahren ihren Tiefpunkt.

          Was man da nun gar nicht gebrauchen kann, ist, in der Straßenbahn mit einem Buch gesehen zu werden, auf dessen Titel in gewaltigen Lettern die Worte „Midlife Crisis“ prangen. Wer zum Original greift, entkommt immerhin der Krise: „Midlife“ ist der englische Titel dieser „Gebrauchsanweisung“ zur Selbsttherapie des am Massachusetts Institute of Technology (MIT) lehrenden Philosophieprofessors Kieran Setiya.

          Setiya durchlebte selbst eine Midlife Crisis

          Dass die Midlife Crisis mehr ist als eine Medienlegende, gilt Setiya aber schon aus dem erkenntnistheoretisch eher schlichten Grund als ausgemacht, dass er selbst eine solche durchlebte. Wie er sich mit Hilfe seiner Disziplin am eigenen Schopfe aus dem Morast zog, dünkt ihn derart vorbildlich, dass er seinen Denkweg zum heilsamen Nach-Denken niederschrieb. Damit, vermutet der Autor unbescheiden, „könnte dieses Buch Ihr Leben ändern“. Dass es indes zunächst einmal auf eine Veränderung im philosophischen Selbstverständnis verweist, sei nur angedeutet: Praktische oder Moralphilosophie war immer ein wichtiger Teilbereich der geisteswissenschaftlichen Königsdisziplin, aber da ging es um begriffliche, nicht um Lebenshilfe. Setiya hingegen zielt wie viele seiner heute etwa auf Philosophiefestivals herumgereichten Kollegen auf unmittelbare Anwendung und fachsprachenfreie Massenkompatibilität: „Versuchen Sie mal, Kant oder Aristoteles zu lesen.“

          Kieran Setiya: „Midlife Crisis“. Eine philosophische Gebrauchsanweisung. Aus dem Englischen von Volker Oldenburg. Insel Verlag, Berlin 2019. 211S.,geb.,18,–€.

          Leider tut der Autor dann nicht viel mehr, als bekannte philosophische Theoreme mit belletristischen Beispielen zu illustrieren und küchenpsychologisch abzuschmecken. Wer also Wissenschaftlicheres erhofft als eine Kalenderweisheit, auf die das Buch tatsächlich zuläuft: „Ich muss den Sinn nicht im Ergebnis meiner Arbeit suchen, sondern in der Arbeit selbst“, der ist hier falsch. Interessanter als dieses unter der Modevokabel „Achtsamkeit“ vermarktete Ergebnis sind jedoch einige der Digressionen auf dem Weg.

          Wir können nicht alles haben

          Los geht es etwa mit John Stuart Mill, dem Utilitaristen, Nationalökonomen und Sozialreformer, der seine eigene – wie es sich für Genies gehört: sehr frühe – Lebenskrise dadurch überwand, dass er nicht zweckgerichtete Tätigkeiten wie das Lesen von Gedichten entdeckte. Statt Dauerverbesserung der Gesellschaft also Kontemplation. Lernen lasse sich daraus, so der Autor, dass die Aufnahme von „Tätigkeiten von existentiellem Wert“ der Krisenprävention dient.

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