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Kien Nghi Ha: Asiatische Deutsche : Wie würdest du deine Herkunft beschreiben?

Bild: Verlag

Die Ausnahmen und die Regeln: Der Sammelband „Asiatische Deutsche“ untersucht, wie unsere Gesellschaft ihre Einwanderer betrachtet - und wie diese mit den falschen Zuschreibungen zurechtkommen müssen.

          4 Min.

          In den frühen siebziger Jahren sind die Eltern der Schauspielerin Minh-Khai Phan-Ti zum Studium aus Vietnam nach Deutschland gekommen. Später eröffneten sie ein chinesisches Restaurant. Ihre Tochter, die als Viva-Moderatorin erst nur mit Vornamen auftrat, hat sie spät davon überzeugen können, dass ein Restaurant mit vietnamesischer Küche Erfolg haben könnte. Heute spielt Minh-Khai Phan-Ti in der ZDF-Krimiserie „Nachtschicht“ eine Kommissarin mit chinesischen Wurzeln. Ihren ersten Fernsehauftritt hatte sie 1995 in „Frau Bu lacht“, Dominik Grafs preisgekröntem Münchner „Tatort“, der vom Ehehandel erzählt, und zwar mit thailändischen Frauen.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Eine deutsche Schauspielerin und ihre Rollen, und die Rollen ihrer Eltern. Minh-Khai Phan-Ti, 1974 in Darmstadt geboren, wünscht sich, eines Tages als Deutsche besetzt zu werden, einfach so. Bislang aber, hat die Mainzer Amerikanistin Mita Banerjee festgestellt, schriebe man asiatischen Figuren meist einen Grund für ihre Präsenz auf den Leib, ein Problem. In Grafs „Tatort“ waren es sexuelle Dienstleistungen. Asiatinnen in Filmen wie diesen, ergänzt die Tübinger Koreanistin Sun-ju Choi, „sprechen kein Deutsch und können daher auch nicht deutsch sein; sie bleiben stets fremd.“

          Ein weiter Begriff

          Sun-ju Choi wie Mita Banerjee gehören zu den Autoren des Sammelbands „Asiatische Deutsche“, der untersucht, welche Existenzen und Identitäten die vietnamesische Einwanderung in die DDR und die alte und neue Bundesrepublik hervorgebracht hat: Ingenieure, aus denen chinesische Köche wurden, Nagelstudiobesitzerinnen, die im Austausch mit ihren Kolleginnen in den Vereinigten Staaten Waren und Dienstleistungswissen zirkulieren lassen, koreanische Krankenschwestern, zwangsselbständige Blumenhändler. Aber eben auch Künstler, Filmemacher, Schriftsteller, Wissenschaftler, ein paar von ihnen haben zu diesem Buch beigetragen - und zum „Dong Xuan Festival“, das im November 2010 im Berliner Hebbel Theater am Ufer stattfand und dessen Diskussionen hier dokumentiert sind.

          „Asiatische Deutsche“: Das ist ein absichtlich weitgefasster Begriff, unpräzise, aber nicht einschränkend, worauf die Autoren des Bandes, der zwar durch und durch akademisch, aber auch politisch engagiert im Ton ist, Wert legen. „Einschlüsse“ und „Ausschlüsse“, wie es im Theoriejargon heißt, werden möglichst genau markiert: Wer spricht von wo aus über wen, wie vermeidet man Stereotypen „innerhalb des unabschließbaren Reservoirs an Möglichkeiten, deutsch und asiatisch zu sein“, wie der Herausgeber schreibt, der Berliner Kulturwissenschaftler Kien Nghi Ha. Das liest sich, wie bei den „Manikürist-innen“ oder „Migrant-innenökonomie“, oft nicht leicht. Andererseits stört der Duktus wohl nur den, der noch nie für einen Chinesen gehalten worden ist, obwohl er vietnamesische Eltern hat und in Darmstadt geboren wurde. Und im Kern geht es ja genau darum: Wie betrachtet eine Einwanderungsgesellschaft ihre Einwanderer? Und andersherum?

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