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: Keiner wird ein Ungeheuer, der nicht wird wie Lessings Kinder

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Wer kann heutzutage noch Polemik? "Das ist ja nichts als Polemik", heißt es gleich geringschätzig, wenn einer von der grauen Diskursstraße mal abkommt und auf Seitenpfaden ein bisschen frech wird. Zwar lässt man sich in der Diskursgemeinschaft geduldig die überflüssigsten Aufgebauschtheiten gefallen ...

          Wer kann heutzutage noch Polemik? "Das ist ja nichts als Polemik", heißt es gleich geringschätzig, wenn einer von der grauen Diskursstraße mal abkommt und auf Seitenpfaden ein bisschen frech wird. Zwar lässt man sich in der Diskursgemeinschaft geduldig die überflüssigsten Aufgebauschtheiten gefallen - Hauptsache, man wird mit irgendeinem Schwachsinn gekitzelt -, aber eine blitzende Polemik, in der sich einer nach allen Regeln der Kunst in den Gegner verbeißt - wo, bitte, gibt's eine solche richtige Polemik noch?

          Leider, leider ist das Genre des gekonnten Höhnens und Spottens in Verruf geraten. Die großen Höhner und Spötter wurden von den kleinen Wadenbeißern abgelöst, von den Reklamemachern, die meilenweit durchs Seichte gehen, um nur ja einen Klick mehr abzubekommen. Wo ist er geblieben: der kontrollierte persönliche Angriff, der gerade dadurch, dass er's persönlich meint, ins Herz der Sache zielt? Der in seiner gezielten Übertreibung und Einseitigkeit aufs Wesentliche geht? Der einfach mal neue Töne anschlägt?

          Jan Philipp Reemtsma weiß um den intellektuellen Verlust, der mit dem Aussterben der Polemik verbunden ist, und rät, bei Gotthold Ephraim Lessing in die Schule zu gehen. Reemtsmas charmantes, ebenso behende wie faktenreich erzähltes, gerade mal hundert Seiten dickes Buch über "Lessing in Hamburg" ist nur vorderhand ein Traktat über die fünf wichtigen Hamburger Jahre von 1766 bis 1770 im Leben des hitzigen Aufklärers Lessing. In Wirklichkeit ist Reemtsmas Büchlein eine konzentrierte Anleitung, wie sich unter Lessings kundiger Führung der geistigen Umweltverschmutzung trotzen lässt. Es geht Reemtsma nicht um eine, wenn auch noch so zentrale lokale Episode, es geht ihm darum, uns durch die Hamburger Seitentür zu Lessing als einem Moralphilosophen und Polemiker zu bringen. In diesem Sinne liest Reemtsma Lessings "Hamburgische Dramaturgie" von 1767 nicht als eine Kasuistik der Bühnendarstellung, sondern als eine der bedeutendsten Schriften der deutschen Aufklärung - was er nach eigenem Dafürhalten nicht könnte, "wäre ihre Bedeutung einzig um die Diskussion von Theaterrelevantem beschränkt". Im Gegenteil, so Reemtsma: "Wenn man sie nur als literaturtheoretisches Dokument liest, wird sie rasch langweilig."

          Programmatisch entfaltet der Verfasser Lessings "Dramaturgie" - "ein kurioses thematisches Patchwork" - daher als philosophisches, als anthropologisches Dokument: "Die ,Hamburgische Dramaturgie' fällt ebenso ins Fach der Theaterliteratur wie der Anthropologie", erklärt Reemtsma unter souveräner philosophiegeschichtlicher Bezugnahme. Er beschreibt Lessings "Dramaturgie" im Kern als eine Ethik - als eine "Ethik in Form einer Theorie der Emotionen aus Anlass einer dramaturgischen Kasuistik" - und widmet ein eigenes, herrlich streitsüchtiges Kapitel Lessings polemischer Kunst. Es ist eindeutig das schönste Kapitel nach dem Exkurs "Lessing, ein Metaphysiker?".

          Polemik, so wird deutlich, ist selbst nichts anderes als ein philosophischer, ein erkenntnisfördernder Akt. Treffsicher rührt sie, indem sie persönlich wird, an des Pudels Kern. Bei der Polemik gibt es keine halben Sachen. Entweder sie sitzt und vernichtet. Oder sie sitzt nicht und denunziert nur. Der Polemiker muss die Sache, die er mit seiner persönlichen Attacke bloßstellen möchte, vorher genau durchdacht haben. Verfehlt er die Sache nur um ein Haar, hat er verspielt. Darum, sagt Reemtsma, "darum ist Polemik so riskant: Wo sich der Polemiker in seinen Behauptungen irrt, wird er zum bloßen Schläger."

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