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: Keiner wird ein Ungeheuer, der nicht wird wie Lessings Kinder

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Wer an der Hand Reemtsmas bei Lessing in die Schule geht, lernt nicht irgendwelche faulen Witzchen und Kalauerkaskaden. Er lernt nicht ein Späßchen hier, ein Späßchen da. Nicht irgendwelche Ungezogenheiten. Er lernt etwas sehr Grundlegendes: dass ohne eine gehörige Portion Aggressivität man das Schreiben lieber bleiben lassen sollte; dass zum Schreiben sich nur aufraffen kann, wer geladen ist, wer sich in einen Gegenstand verbeißen kann. Will man die gebleckten Zähne zeigen, so tue man es leichthin, aber entschieden.

Zu dieser Entschiedenheit gehört, dass man im Geiste regelrecht das Genre wählt, bevor man sich äußert: eben die Polemik. "Für Lessing, der sich wie wenige andere in Themen verbeißen konnte, war sie eine bevorzugte Textsorte, und er durchmischte auch durchaus unpolemische Texte mit polemischen Zutaten, in der ,Hamburgischen Dramaturgie' sind es mehr als bloß Zutaten", schreibt Reemtsma. Die große Polemik der Hamburger Zeit, die Auseinandersetzung mit Christian Adolf Klotz, zeige beide Seiten schriftstellerischer Bissigkeit: "Lessings polemische Energie ist - auch gemessen an der Bedeutung von Anlass und Gegenstand - ungeheuer und die aufgewandte Arbeit, den erwählten Gegner der vollständigen fachlichen Inkompetenz zu überführen, vielleicht noch ungeheurer. Das Wort stellt sich nicht von ungefähr ein: ungeheuer. In der Polemik konnte Lessing eine Art Ungeheuer werden."

Die Frage ist also die: Wie wird man ein Ungeheuer? Anhand einiger großartiger polemischer Volten Lessings gibt Reemtsma eine Einführung ins Ungeheuerwerden. Jeder, der es darauf anlegt, ein Ungeheuer zu werden; jeder, der den Eindruck hat, ihm fehle zum Reden und Schreiben die nötige aggressive Energie; jeder, der sich für ein schlafmütziges Temperament hält und dies im Alltag von Herzen bedauert - all denen ist unbedingt anzuraten, Reemtsmas schmale oder gleich Lessings dicke Schrift zu lesen. Hier wie dort wird vorgeführt, wie das geht, die Gegner das Fürchten zu lehren, die es wagen, sich an uns zu vergreifen (und sei es nur, indem sie mit irgendeiner Dämlichkeit unser kritisches Bewusstsein beleidigen).

Um ein Ungeheuer zu werden, muss man vermeiden, dass einem die Welt geheuer wird. Man muss also eine methodologische Begriffsstutzigkeit an den Tag legen, um die vielen Scheinerklärungen und Scheinevidenzen mit einem Stirnrunzeln auflaufen zu lassen und sie sodann kaltblütig zur Strecke zu bringen. Wenn irgendeine hochtrabende Wortklauberei polemisch zu Fall gebracht werden soll, tut man gut daran, sie erst einmal lebensweltlich abzugleichen, sie gleichsam stur von unten zu betrachten, statt - wie der angegriffene Experte wohl fordern wird - brav in der Arena der Experten zu bleiben. "Wesentlich für die Polemik ist, sich darauf nicht einzulassen, nicht vom Turnierplatz mit viel Publikum zurück in die Bibliothek zu gehen" (Reemtsma).

Im Idealfall funktioniert die Polemik also nach dem Transparenzgesetz von "Des Kaisers neue Kleider": In der Rolle des Kindes gibt man zum Besten, was doch eigentlich jeder sehen können müsste. Oder frei nach Jan Philipp Reemtsma: Keiner wird ein Ungeheuer, der nicht wird wie Lessings Kinder. Ach, hätten wir doch mehr von denen.

CHRISTIAN GEYER

Jan Philipp Reemtsma: "Lessing in Hamburg". 1766 bis 1770. Verlag C. H. Beck, München 2007. 109 S., br., Abb., 12,- [Euro].

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