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: Keine zornigen jungen Männer

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Durch seinen Sarkasmus erregte Anfang der siebziger Jahre eine Studie des französischen Soziologen Gaston Bouthoul das Publikum: "Kindermord aus Staatsraison" hieß sein Buch in der deutschen Übersetzung. Den Krieg erklärt Bouthoul darin sozialbiologisch als Ausgleich von Bevölkerungsüberschüssen. Immer ...

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          Durch seinen Sarkasmus erregte Anfang der siebziger Jahre eine Studie des französischen Soziologen Gaston Bouthoul das Publikum: "Kindermord aus Staatsraison" hieß sein Buch in der deutschen Übersetzung. Den Krieg erklärt Bouthoul darin sozialbiologisch als Ausgleich von Bevölkerungsüberschüssen. Immer wenn zu viele Junge um zu wenige Stellen rangeln, die ihnen einen Unterhalt verschaffen, immer wenn Seuchen, Krankheit und natürliche Sterblichkeit nicht mehr ausreichen, dann wird es zu einer Frage der Staatsraison, die "viel zu vielen" zornigen jungen Männer im Krieg zu dezimieren. Bouthoul schrieb das Buch, als der berühmte Pillenknick der Bevölkerungsentwicklung eine neue Verlaufsform gab. Seitdem hat sich gezeigt, daß die wissenschaftliche Zivilisation beinahe so fatal ist wie ihr Gegenteil: Frauen emanzipieren sich und bekommen kaum noch Kinder, die hohe Lebenserwartung läßt die Sozialsysteme kollabieren, und die Deutschen sind so pazifistisch geworden, daß sie den Westen nicht mehr mit der Waffe in der Hand verteidigen, sondern nur noch eine vage "Verantwortung übernehmen" wollen. Dem Zorn fehlt die demographische Basis. Daran scheitert auch der Vermögensberater Bernd W. Klöckner, der sogar Macchiavelli herbeizitiert: "Man soll nie einem Übelstand seinen Lauf lassen, um einen Krieg zu vermeiden; denn man vermeidet ihn nicht, sondern schiebt ihn nur zu seinem eigenen Nachteil auf." Gemeint ist der Krieg der Generationen. So wie es Klöckner darstellt, werden entweder heute die Rentner enteignet oder künftig die Beitragszahler, die einmal weniger aus der umlagefinanzierten Rente zurückerhalten, werden als sie eingezahlt haben ("Die gierige Generation". Wie die Alten auf Kosten der Jungen abkassieren". Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2003. 239 S., geb., 17,90 [Euro]). Im Jahr 2025 wird der Anteil der über Sechzigjährigen an der Bevölkerung annähernd die Hälfte betragen - ein "ancien régime", dessen demokratische Macht dann so zementiert ist, daß nur eine Revolution es sprengen könnte. Doch die zornigen jungen Männer, deren es dazu bedürfte, fehlen eben. Reform statt Revolution lautet deshalb das Programm, hinter dem Klöckner seine Drohkulisse aufbaut. Aus eigenem Interesse müßten die gierigen Alten einsehen, besser auf Teile ihrer heutigen Rente zu verzichten. Die Renten müssen runter. Und zwar in dem Maße, wie die Sozialbeiträge steigen. Wären die Renditen heutiger und künftiger Renten gleich, dann wäre der "Generationenfriede" gesichert. Im Durchschnitt müßten dann allerdings die heutigen Rentner auf fast die Hälfte ihrer Rente verzichten! Das wäre schon einen Generationenkrieg wert. Diese Zahl verdeutlicht umgekehrt die drohende Verelendung der heutigen Beitragszahler. Die Politiker hoffen offenbar, daß der Bevölkerungsschwund sich von 2010 an (daher die gleichnamige Agenda des Kanzlers) entlastend auf den Arbeitsmarkt auswirken wird. Die Arbeitskraftreserve der Frauen wird dann ausgeschöpft, die Produktivität wird steigen, und alles wird vielleicht gut. Klöckner ist hingegen ein Revolutionär, der lieber den Frontverlauf des Rentnerkriegs nachzeichnet und versucht, den Zorn von uns Jungen anzustacheln und uns aus der Apathie herauszureißen. Einer ganzen Phalanx von Feinden stellt uns Klöckner gegenüber: Die Rentenkassen verschweigen uns die auszehrende Wirkung der Inflation und gaukeln einen akzeptablen Kapitalrückfluß vor. Der Staat benachteiligt die junge Generation durch laufend steigende Steuern. Die reichen Alten erhalten vergünstigte Bahnkarten für die Fahrt in die nächste Kur, während jedes vierzehnte Kind in die Sozialhilfe gedrückt wird - unter den reichen Rentnern muß nur jeder hundertste davon leben. Selbstbedienungspolitiker aller Parteien tragen das System der Ausbeutung, weil sie sich durch üppige Pensionen und Privilegien selbst korrumpiert haben. Dann sind da noch das Krebsgeschwür Parlamentarischer Staatssekretäre, das Unwesen des Beamtentums, doppelmoralische Frühpensionäre wie Oskar Lafontaine, Vollkasko-Bundespräsidenten, Bundesbankfrührenter, Fremdrentner aus Osteuropa und öffentliche Verschwender in Bund, Ländern und Gemeinden - kurz, ein Gezücht von Parasiten, schlimmer als Pest, Pocken und Cholera. Denn die Mikro- und Makroparasiten, Seuchen und Soldaten waren zwar grausam, aber intelligent. Sie sorgten für den bevölkerungspolitischen Ausgleich. Unsere Sozialsysteme dagegen begnügen sich mit Grausamkeit.

          CHRISTOPH ALBRECHT

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