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: Keine Lizenzen fürs Gehirn

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Hirnforschung ist ein Wissenschaftsgebiet mit großer populärer Ausstrahlung. Es ist gleichzeitig ein Gebiet, auf dem Neigungen zu sehr merkwürdigen Vorstellungen und steilen Behauptungen auffallend hemmungslos gepflegt werden. Offensichtlich sind die beiden Phänomene nicht unabhängig voneinander.

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          Hirnforschung ist ein Wissenschaftsgebiet mit großer populärer Ausstrahlung. Es ist gleichzeitig ein Gebiet, auf dem Neigungen zu sehr merkwürdigen Vorstellungen und steilen Behauptungen auffallend hemmungslos gepflegt werden. Offensichtlich sind die beiden Phänomene nicht unabhängig voneinander. Eine naheliegende Vermutung ist, den Zusammenhang als Effekt der reichlich produzierten populären Darstellungen anzusehen. Doch so einfach ist die Sache nicht.

          Zum einen schon deshalb, weil auf diesem Terrain die Grenzen zwischen eigentlich wissenschaftlichen und populär-exoterischen Darstellungen in Buchform recht verschwommen sind. Aber selbst wenn man Fachliteratur im engeren Sinn heranzieht, stößt man schnell auf die einschlägigen Merkwürdigkeiten. Wo nämlich die referierten Experimente auf mehr oder minder überzeugende Weise bestimmte Fähigkeiten mit neuronalen Aktivitäten korrelieren und daraus Modellvorstellungen der beteiligten neuronalen Verarbeitungsmechanismen entwickelt werden, tritt unversehens ein Gehirn auf den Plan, das Dinge tut, die uns allerdings vertraut vorkommen müssen: Es stellt Vermutungen auf, löst Probleme, fühlt, prüft, entscheidet. Mit anderen Worten: Es erweist sich als kurioses und rätselhaftes Scheinsubjekt.

          Für Max Bennett und Peter Hacker, Neurowissenschaftler der eine, Philosoph im Wittgensteinschen Geist der andere, liegt in diesem Trugschluss vom Subjekt auf einen Teil von ihm - nämlich auf das Gehirn - der Kern der Verwirrungen, in denen Neurowissenschaftler wie auch um den Geist bemühte Philosophen sich gern verfangen. Sie offenzulegen war der Anspruch ihres ersten, vor fünf Jahren gemeinsam verfassten Buchs. Sein Titel, "Philosophical Foundations of Neuroscience", zielte nicht etwa darauf ab, dass Philosophie ein theoretisches Fundament liefern könne. Nicht um Theorien und Thesen ging es, sondern um begriffliche Klärungsarbeit, die den Gebrauch unseres psychologischen Vokabulars umreißt und auf diese Weise vor Augen führt, wo Hirnforscher oder Philosophen zu Ausritten über die Grenzen des Sinns ansetzen.

          Das Buch fand sofort große Beachtung, und auch in den regen Debatten, die auf sein Erscheinen folgten, schlugen sich Bennett und Hacker mit Bravour (F.A.Z. vom 9. Juli 2007). Nun haben sie ein zweites Buch folgen lassen, das noch einmal dasselbe Terrain sichtet, diesmal allerdings aus einer anderen Perspektive und ausschließlich auf Beiträge aus der kognitiven Neurowissenschaft gerichtet (M. R. Bennett, P. M. S. Hacker: "History of Cognitive Neuroscience". Wiley-Blackwell Publishing, Oxford 2008. 288 S., Abb., geb., 80,- [Euro]).

          Um begriffliche Klärungen geht es weiterhin, und wieder ist zu bewundern, wie klar die Gebrauchsweisen unserer auf das Innenleben Bezug nehmenden Worte und Wendungen voneinander abgehoben und knapp charakterisiert werden. Aber der Effekt der Kontrastierung dieser tief in Handlungskontexte eingelassenen "Grammatik" unserer psychologischen Ausdrücke mit ihren häufigen neurowissenschaftlichen Verzeichnungen tritt nun eher in den Hintergrund. Das Hauptgewicht liegt auf der Darstellung, aus welchen Untersuchungen und Experimenten sich Modelle und Thesen der kognitiven Neurowissenschaften ergeben, die mit solchen Verzeichnungen verknüpft sind. Oder vielmehr: warum sie sich bei genauerer Betrachtung gerade nicht aus den Befunden gewinnen lassen.

          Die Grunddiagnose, dass sich das Gehirn zwar hübsch materialistisch ausnimmt, aber oft auf fatale Weise den alten "Geist" und einen mit ihm verknüpften schiefen Dualismus beerben muss, bleibt intakt. Doch nun geht es um die auf den ersten Blick oft noch unverdächtig wirkenden Schritte, die das Gehirn letztlich zum erstaunlichen Akteur machen. Mit sicheren und ohne große Gesten angebrachten Schnitten wird der spekulative Wildwuchs gekappt.

          Bennett und Hacker wird gern entgegengehalten, dass die von ihnen kritisierten Missverständnisse neurowissenschaftlicher Erklärungsmöglichkeiten nur auf eher harmlose abkürzende Redeweisen hinauslaufen. Doch zu solchem Entgegenkommen sind die beiden Autoren zu Recht nicht bereit: Eine Neurowissenschaft, die mit derartigen Lizenzen operiert und dabei ihre eigenen methodischen Möglichkeiten beständig verzerrt, steht in ihren Augen sich selbst im Weg.

          Weshalb es eben auch ohne Übertreibungen gehen sollte und mit halbwegs klarem Verständnis der explikativen Ansprüche, die sich mit der Erforschung der Gehirnfunktionen tatsächlich verbinden lassen. Welche Möglichkeiten der Empfehlung als Experten für Gott, Welt und Menschenbild damit für manche Neurowissenschaftler wegfielen, wissen die Autoren aber wohl auch recht gut.

          HELMUT MAYER

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