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: Keine Entlastung durch Kunst nach Feierabend!

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Im Winter 1936 beginnt Martin Heidegger in Freiburg mit "Übungen für Anfänger" zu Friedrich Schillers "Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen". Ein autorisiertes Manuskript dieser Lehrveranstaltung ist nicht erhalten, weshalb sie im Rahmen der Gesamtausgabe Heideggers unberücksichtigt bleibt.

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          Im Winter 1936 beginnt Martin Heidegger in Freiburg mit "Übungen für Anfänger" zu Friedrich Schillers "Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen". Ein autorisiertes Manuskript dieser Lehrveranstaltung ist nicht erhalten, weshalb sie im Rahmen der Gesamtausgabe Heideggers unberücksichtigt bleibt. Die Nachschrift, die das Marbacher Literaturarchiv jetzt als Zugabe zum Schiller-Jahr herausgibt, stammt von einem Freiburger Arzt, Wilhelm Hallwachs, der damals 64 Jahre alt war, im Seniorenstudium also.

          Weil bei Philosophen wie Heidegger immer alles und gewiß die Auswahl von Seminarthemen eine Bedeutung haben muß, wird man gewiß auch hier fragen: warum Schiller? Warum 1936? Heidegger selbst betont, Schillers Briefe von 1795 seien "der erste bewußte und große Gegenschlag gegen die Französische Revolution". Er selber hat gerade eine deutsche hinter sich und bereitet keinen Gegenschlag vor, aber immerhin den Versuch, sich durch Gedanken über die Kunst und über Hölderlin von der Politik und seiner Zeit abzusetzen. Daß durch Kunstwerke nicht mehr "unmittelbar verbindlich das Ziel und die Wahrheit unseres Daseins vorgestellt und dargestellt" würden, von dieser Ansicht Hegels bekräftigt Heidegger zwar, sie gelte noch heute. Wenn er aber Schillers Abhandlung erörtert, tut er es erkennbar auch, um dagegen zu opponieren.

          Entsprechend beiläufig behandelt Heidegger in seiner Übung die Frage, die Schiller mit seinen Briefen zu beantworten suchte: wie eine Abschaffung dessen, was er den "Naturstaat" nennt, also die europäische Schichtungsordnung samt Monarchie, durch einen "Vernunftstaat" gelingen kann, ohne daß es zu einer Tugenddiktatur jakobinischer Prägung kommt. Was, so fragt Schiller, vermag im Menschen und im Staat, der ihn repräsentiere, zu verhindern, daß entweder die Gefühle über seine Grundsätze herrschen oder jene diese unterdrücken? Die Antwort lautet "Bildung", und der "gebildete Charakter", den Schiller dem wilden und dem tyrannischen gegenüberstellt, werde durch ästhetische Erziehung ermöglicht, weil das Wahrnehmen von Kunstwerken und die aus ihm hervorgehende "ästhetische Stimmung" jene Entgegensetzung von Trieb und Gesetz, Neigung und Pflicht, Anschauung und Gedanke nicht kenne. Anders als es das Nachwort Odo Marquards will, handelt es sich bei Schiller also nicht um den "Versuch, die gescheiterte Revolution durch Kunst zu ersetzen". Die institutionelle Konsequenz seiner philosophischen Abhandlung waren nicht das Bayreuther Weihefestspiel und der Fundamentalismus der Avantgarden, sondern die Universität Humboldts und das Gymnasium.

          Heidegger notiert an einer Stelle, das Ästhetische sei für Schiller kein Zustand unter anderen, aber auch "keine Wirklichkeitsentrückung, sondern grade Wirklichkeitsermöglichung. Keine Entlastung!" Zwischen einer bloß kompensatorischen Funktion von Kunst als Freizeitgestaltung in technischen Zivilisationen und Heideggers Herumreiten auf dem Seinssehertum ausgewählter Dichter führt der Weg Schillers zur Erziehung, ein Begriff, an dem weder der Text noch das Nachwort ein besonderes Interesse nehmen. Heidegger konzentriert sich demgegenüber ganz auf jene Passagen Schillers, die sich als Kant-Kommentar und Beginn der idealistischen Philosophie lesen lassen. Zuletzt wirft er Schiller vor, die Kunst aber doch nur instrumentell und als Spiel aufzufassen. Daß es damit nichts sei, erfahren die Zuhörer allerdings erst kurz vor Ende der letzten Sitzung, wenn es knapp heißt, Schiller habe durch Festhalten am Vernunftideal den Liberalismus und den Nihilismus mit vorbereitet. Na ja, wer hat es nicht, wenn man Heidegger folgt?

          Sein Seminarstil hat hier stark deklarativen Charakter, Marquard spricht treffend vom "Denkwebel" Heidegger, die Studenten kommen in erster Linie als Protokollanten der Sitzungen vor. Sie werden nicht an Schillers schrittweise Argumentation herangeführt - was ihnen die politische Fragestellung der Briefe gezeigt hätte -, sondern mit schwierigen Sätzen aus diesem Gang, ausgewählten Fußnoten dazu und eigenwilligen Beispielen - einem Gedicht Conrad Ferdinand Meyers und Dürers Hase für Fragen des Formbegriffs und der Singularität ästhetischer Darstellung - konfrontiert. Immerhin enthält der Text auch eine kleine Anweisung zur Anfertigung von Seminarprotokollen. "Denken ohne zu lesen!" müsse man üben. Und erst dann schreiben. Eine Empfehlung, die auch heute noch in Briefe über akademische Erziehung gehörte.

          JÜRGEN KAUBE

          Martin Heidegger: "Übungen für Anfänger". Schillers Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen. Wintersemester 1936/37. Mit einem Essay von Odo Marquard. Deutsche Schillergesellschaft, Marbach 2005. 206 S., geb., 18,- [Euro].

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