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„Deutsche Wechseljahre“ : Steht die Einheit der Literatur noch aus?

  • -Aktualisiert am

Heiner Müller liest 1983 in einer Privatwohnung in Magdeburg Bild: Harald Hauswald

Rhetorisch aufgerüstet: Michael Hametner wirft dem westdeutschen Feuilleton vor, einen Krieg gegen die ostdeutsche Literatur eröffnet zu haben, der bis heute andauere. Hinter seinem Ressentiment steckt viel nachvollziehbares Sentiment.

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          Dieses Buch verspricht in seinem Untertitel ein „Nachdenken“, und es stimmt nachdenklich. „Seit dreißig Jahren mühen wir uns damit, eine Wiedervereinigung, die als Beitritt verlangt war, in eine deutsche Einheit zu transformieren. Ist das nicht von vornherein aussichtslos?“ Die Hoffnung, dass es das nicht sei, will Michael Hametner, 1950 in Rostock geborener Journalist und Kritiker, am Ende nicht aufgeben. Woher er sie dann aber doch noch nimmt, ist fraglich, denn ein Großteil seines Essays besiegelt eher die Aussichtslosigkeit einer Einheit.

          Jan Wiele
          Redakteur im Feuilleton.

          Er spricht gar von einer zweiten deutschen Spaltung nach 1989/90, und für diese verantwortlich macht er „das westdeutsche Feuilleton“. Das habe „den Krieg gegen die DDR-Literatur eröffnet“. Er zögert ob der Metapher, fragt: „Unangebracht, hier von Krieg zu sprechen?“ – sagt dann aber: „Ich denke nicht.“

          Wie reagieren auf solche Bitternis?

          Hametner wirft Journalisten, Kuratoren, Jurys und Institutionen von damals bis heute Arroganz und Unwissenheit vor, und er kommt zu dem Schluss, dass ostdeutsche Literatur und Kunst noch immer marginalisiert würden, teils auch bewusst verächtlich gemacht und stigmatisiert, wobei die Sicht auf politische Gesinnung und persönliche Schuld die Sicht auf Ästhetik verdeckt habe oder weiterhin verdecke.

          Um das zu belegen, beginnt er beim „deutsch-deutschen Literaturstreit“ um Christa Wolf 1990 oder bei der Äußerung von Georg Baselitz aus demselben Jahr, wenige Monate vor der feierlichen Einheitszeremonie, die DDR habe „keine Künstler, keine Maler“, nicht einmal „Jubelmaler“, sondern „ganz einfach Arschlöcher“. Hametner macht, näher an die Gegenwart rückend, allenfalls Konzessionen, bleibt aber im Großen und Ganzen bei seinem Vorwurf. Selbst die zahlreichen für ihn „ostdeutschen“ Schriftsteller, die jüngst sehr erfolgreich geworden sind, oder bestimmte Ausstellungen, die sich doch ostdeutscher Kunst widmeten, gelten ihm eher als Ausnahme denn als Regel.

           „Keine Künstler, keine Maler (...) ganz einfach Arschlöcher“: Georg Baselitz über ostdeutsche Künstler im Jahr 1990
          „Keine Künstler, keine Maler (...) ganz einfach Arschlöcher“: Georg Baselitz über ostdeutsche Künstler im Jahr 1990 : Bild: Benjamin Katz

          Ein solcher Generalvorwurf, der ganz verschiedene Gegenstände, Epochen und Generationen betrifft, kann in keiner noch so langen Rezension entkräftet werden. Müsste er es denn? Sich von Hametner provozieren zu lassen, stets den Widerspruch und das Gegenbeispiel zu suchen, hieße ja, seine Kategorisierung anzunehmen und in einem aus seiner Sicht „westdeutschen Feuilleton“ womöglich wiederum ignorant zu sein. Das genau möchte man nicht, zumal hinter Hametners Ressentiment (stellenweise ist es leider nicht anders zu nennen) das Sentiment durchscheint, eine Verletztheit, die stellvertretend für viele steht und zudem oft sehr nachvollziehbar ist. Etwa bei der Erinnerung an die Vereinigung der beiden deutschen Kunstakademien, die Hametner via Christoph Hein aufgreift. Der habe dabei „Wellen des Hasses“ durch den Saal schlagen sehen, etwa als von westlicher Seite gefragt wurde, ob Heiner Müller irgendeine Bedeutung außerhalb des Ostens zukomme. „Als der Antrag, Heiner Müller quasi eine ,Probezeit‘ in der Akademie zuzubilligen, gestellt wurde, gab es in Tokio einer Heiner-Müller-Woche, und New York bereitete sich auf ein Festival für den Meister vor.“

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