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: Kein Räsonieren ohne Gehorsam

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Literaturgeschichten, zumal kleine, sind nicht frei von Budenzauber. Sie versprechen Lesern in kurzer Zeit einen Überblick, den eigentlich nur jahrelange Lektüre verschaffen kann. Und ihren Verfassern fordern sie eine derart verkürzende Auswahl ab, dass Ausblendung und Vereinfachung unvermeidlich ...

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          Literaturgeschichten, zumal kleine, sind nicht frei von Budenzauber. Sie versprechen Lesern in kurzer Zeit einen Überblick, den eigentlich nur jahrelange Lektüre verschaffen kann. Und ihren Verfassern fordern sie eine derart verkürzende Auswahl ab, dass Ausblendung und Vereinfachung unvermeidlich sind. Kleine Literaturgeschichten gleichen also der Quadratur des Kreises - doch wir brauchen sie, vielleicht sogar dringender denn je. Der expandierende Lesehorizont und immer schlanker modularisierte Studiengänge machen sie unverzichtbar. Diesem Orientierungsbedürfnis entsprechen nur wenige Bücher. Obwohl immer wieder versucht, blieben sie oft belanglos oder scheiterten. Mit großem Aufsehen widerfuhr das zuletzt Heinz Schlaffers in jeder Hinsicht "Kurzen Geschichte der deutschen Literatur". Vor dem Horizont der europäischen Tradition macht sie kurzen Prozess und lässt außer der Goethe-Zeit und der Klassischen Moderne fast nichts gelten (F.A.Z. vom 19. März 2002).

          Nicholas Boyle, Germanistikprofessor in Cambridge, geht ganz anders zu Werke - als werbender Liebhaber, nicht als giftender Polemiker. Besonnen und ausgewogen führt er durch die deutsche Literatur seit dem Mittelalter, er erzählt, statt zu belehren, pointiert, statt zu verwerfen, und drückt sich auch nicht vor Urteilen. Entscheidend ist, für wen er dieses gleichzeitig bei der Oxford University Press als "Very Short Introduction" erschienene, von Martin Pfeiffer ausgezeichnet übersetzte Buch geschrieben hat: für die englischsprachige Öffentlichkeit, die durch Literatur auch etwas über Deutschland erfahren möchte. Ebendas versteht Boyle unter Literatur, sie bestehe - so heißt es gleich zu Beginn - nicht nur aus Texten, "weil Texte nicht nur Texte sind", sondern sie ist Dokument einer Nation, ihrer Geschichte und Mentalität. Auch für deutsche Leser ist diese Außenperspektive vielversprechend und ergiebig. Ein wenig gilt hier, was Boyle an den beiden Wahlengländern Uwe Johnson und W. G. Sebald betont - die Freiheit und Reichweite ihrer Erinnerungsarbeit verdankt sich dem Abstand und zielt über die individuelle und nationale Identität hinaus auf ein "Streben nach Gerechtigkeit".

          Nicholas Boyle wird seinem riesigen Gegenstand, den er mit Eleganz, Understatement und der gebotenen Knappheit fasst, erstaunlich gerecht. Diese Kunst essayistischer Kürze hätte ihm kaum jemand zugetraut, der die ersten zweitausend Seiten seiner höchst detaillierten Goethe-Biographie gelesen hat. Doch Boyle meistert die Kürze mit ähnlicher Bravour wie das so vielversprechend angefangene wissenschaftliche Standardwerk.

          Den Erzähleingang bildet ein historisches Panorama, aus dem er eine Leitthese für seine Geschichte entwickelt. Den deutschen Sonderweg verortet er in einer über Jahrhunderte bestehenden Konfliktlinie zwischen dem liberalen, weltzugewandten, ästhetisch erzogenen Bürgertum nach französisch-englischem Muster und dem vernunftorientierten, staatstreuen Apparat der Beamten und Professoren. Kant bezeichnet jenen Zwiespalt zwischen der geistigen Freiheit schreibender Denker und der unbedingten Loyalität öffentlicher Personen schon in seiner frühen Bestimmung des aufgeklärten Absolutismus: "Räsoniert soviel ihr wollt, und worüber ihr wollt, aber gehorcht." Boyle verlängert diese Paradoxie der Aufklärung bis ins zwanzigste Jahrhundert: Noch die "Buddenbrooks" bringt er auf die Vermittlungsformel vom erzählerischen Realismus der europäischen Bourgeoisie und der philosophischen Innenschau der Beamtentradition, und selbst im "Doktor Faustus" sieht er in der heimlichen Hauptfigur Zeitblom die Wiederkehr jener zwiespältigen Illusion kritisiert, die in Hitler "ihr metaphysisches Schicksal und ihre Nemesis akzeptierte".

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