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: Kein Grund zur Hysterie

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Als Sigmund Freud sich mit der Traumdeutung auf "die Via regia zur Kenntnis des Unbewußten im Seelenleben" begab, war dieser Königsweg vor ihm im neunzehnten Jahrhundert schon von anderen beschritten worden, deren Vielzahl im historischen Rückblick überrascht. Keiner, sei es Karl Albert Scherner, Friedrich ...

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          Als Sigmund Freud sich mit der Traumdeutung auf "die Via regia zur Kenntnis des Unbewußten im Seelenleben" begab, war dieser Königsweg vor ihm im neunzehnten Jahrhundert schon von anderen beschritten worden, deren Vielzahl im historischen Rückblick überrascht. Keiner, sei es Karl Albert Scherner, Friedrich Wilhelm Hildebrandt, Ludwig Strümpell oder gar Graf Alexander Keyserling, hat sich dem kulturellen Gedächtnis als Vorgänger Freuds eingeprägt, obwohl ihr Weg alle in jenes "helldunkle Reich" (Jean Paul) zwischen Geist und Natur führte, dessen Triebgrund Johannes Volkelt schon 1875, in der Blütezeit der Traumforschungsliteratur zwischen 1871 und 1881, die "unbewußt schaffende Phantasie" nannte.

          Volkelts "Traum-Phantasie" zählt zu jenen 78 Titeln, die Sigmund Freud im Literaturverzeichnis zur Erstausgabe seines Jahrhundertbuches "Die Traumdeutung" (1900) anführt und im 65 Seiten umfassenden Einleitungskapitel über "Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme" referiert. Der Potsdamer Literaturwissenschaftler Stefan Goldmann hat es jetzt in seiner Habilitationsschrift über Freud und die Traumforschung im neunzehnten Jahrhundert als Tatort gesichert, auf dem er unter den Stichworten der unbewußt symbolisierenden Phantasietätigkeit im Traum, des Schauplatzes der Träume und der Auffassung des Traums als Wunscherfüllung detektivisch jene Indizien sammelt, die zu Freuds "Ursprüngen" führen. So kann Goldmann überzeugend das Einzugsgebiet von Freuds eigener Zitatsammlung eintrocknen auf die drei Quellen Paul Radestock, Heinrich Spitta und Johannes Volkelt, während die Schreibstrategien des Einleitungskapitels weitgehend Ludwig Strümpells Studie über "Die Natur und Entstehung der Träume" (1874) geschuldet sind.

          Diese zuletzt wenigen Quellen befruchten umgekehrt allerdings ein weites Feld. Goldmann beackert philologisch mit bewunderungswürdiger Akribie die - im Buch selbst leider durch keine methodischen Erörterungen eingezäunte - Toposforschung. Der Topos gilt je nach Perspektive als "allgemeine Suchformel zum Auffinden (inventio) geeigneter Gedanken" (Heinrich Lausberg) oder als ihr "Fundort" (Ernst Robert Curtius). So mag der Gedanke, "daß das Ich nicht Herr sei in seinem eigenen Haus", seit Sigmund Freuds sprichwörtlich gewordener Feststellung in seinen "Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse" (1916/17) und in seinem Aufsatz über "Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse" (1917) zwar vertraut klingen. Geprägt aber hat diese Wendung für den Umstand, daß die seelischen Vorgänge dem Bewußtsein unseres Ichs nur bedingt, unvollständig und unzuverlässig zugänglich sind, schon 1875 der Theologe Friedrich Wilhelm Hildebrandt in seinem von Freud studierten Buch "Der Traum und seine Verwertung für's Leben". Hildebrandt glaubte, daß gerade das Traumleben eine Antwort auf die Hauptfrage der Selbstbeobachtung und Selbstprüfung geben könne - wörtlich -: "wer denn eigentlich Herr im Hause bei uns sei?"

          Die Schadenfreude des Ertappthabens ist der - allerdings im doppelten Wortsinn - billigste, das heißt ebenso gerechte wie geschenkte Gewinn dieser quellenkritischen Nachrechnung, hielt der in wiederholten Prioritätsstreitigkeiten sehr empfindliche Freud sich doch viel auf seine eigene "Originalität" zugute. Dieser selbst eingeräumte Kredit sieht sich durch die vorliegende Studie zweifellos geschmälert, nicht zuletzt in der selbst vom Volksmund vorweggenommenen Schlüsselthese zur "Traumdeutung", der Traum sei eine Wunscherfüllung. Aber wie im Fall von Friedrich Nietzsche gibt die intensivierte Quellenforschung Traditionslinien zu erkennen, die erst durch ihre sprachmächtigsten Vertreter Kontur gewonnen haben. Dieser Schadenfreude kommt bei Goldmann, der sie nicht teilt, jedenfalls die Bewunderung für die Virtuosität zuvor, mit der sich Freud aus der Sackgasse herausmanövriert hat, in die ihn seine Radikalisierung der Behauptung führte, jeder Traum, selbst der Angsttraum, sei eine Wunscherfüllung: "Durch diese apodiktische Formulierung genötigt, die Mechanismen der Traumarbeit detailliert und systematisch darzustellen, entwirft er eine ,neue Psychologie', die von den zeitgenössischen Rezensenten der ,Traumdeutung' kaum wahrgenomme wurde."

          Tatsächlich knüpfen Goldmanns Funde das Beziehungsnetzwerk zwischen Sigmund Freud und Friedrich Nietzsche, das sich in den jüngsten Studien von Reinhard Gasser und Günter Gödde immer deutlicher abzuzeichnen begann, noch enger. Goldmanns Preis für seine historistisch anmutende Beschränkung auf reine Quellen(be)funde ist allerdings das Versäumnis, den schwindelerregenden Mahlstrom der von ihm ausgelösten "Einflußängste" weiter auszudehnen, etwa auf den französischen Psychoanalytiker Jacques Lacan, der 1957 eine "Rückkehr" ausgerechnet zu Sigmund Freud proklamiert hat, indem er in seiner Schrift über "Das Drängen des Buchstabens im Unbewußten oder die Vernunft seit Freud" die Abwehrmechanismen als "die Kehrseite dessen" bezeichnete, "wovon die Mechanismen des Unbewußten die Vorderseite darstellen: Periphrase, Hyperbaton, Ellipse, Suspension, Antizipation, Retractatio, Verneinung, Exkurs, Ironie sind die Stilfiguren (Quintilians figurae sententiarum); Katachrese, Litotes, Antonomasie, Hypotyposis die Tropen, die als Begriffe sich am besten dazu eignen, diese Mechanismen zu bezeichnen". Woher mag diese Kryptomnesie, diese verschüttete Erinnerung in Jacques Lacans Unbewußtem rühren?

          Stefan Goldmann: "Via regia zum Unbewußten". Freud und die Traumforschung im 19. Jahrhundert. Psychosozial-Verlag, Gießen 2003. 286 S., br., 29,90 [Euro].

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