https://www.faz.net/-gr3-10gcj

: Kein Fehler im System

  • Aktualisiert am

Missversteht bloß nicht den Kant! Philosophische Fragen nach dem Ort des Menschen in der Schöpfung und nach Gott dürfe nicht von vornherein für sinnlos halten, wer aus Kants "Kritik der Urteilskraft" Gewinn ziehen will. Dieser Maxime folgt ein von Otfried Höffe herausgegebener Kommentar zur "Kritik der Urteilskraft".

          4 Min.

          Missversteht bloß nicht den Kant! Philosophische Fragen nach dem Ort des Menschen in der Schöpfung und nach Gott dürfe nicht von vornherein für sinnlos halten, wer aus Kants "Kritik der Urteilskraft" Gewinn ziehen will. Dieser Maxime folgt ein von Otfried Höffe herausgegebener Kommentar zur "Kritik der Urteilskraft". Zu ihm hat der Herausgeber selbst die gewichtigsten Kapitel beigesteuert: eine Einleitung, einen abschließenden Rückblick über das Verhältnis von Urteilskraft und Sittlichkeit und einen Kommentar der Paragraphen über den Menschen als Endzweck der Schöpfung.

          In ihnen wird eine Kant-Lektüre propagiert, die Höffe selber als heterodox, vielleicht sogar häretisch bezeichnet. Keineswegs sei das Leitinteresse der "Kritik der reinen Vernunft" auf die Erkenntnistheorie oder die philosophische Begründung moderner Wissenschaft gegangen. Kant habe im Gegenteil die theoretische Vernunft mit der Absicht untersucht, Hindernisse der Moral zu überwinden und die Entmachtung des wissenschaftlichen Wissens zugunsten von Moral und moralischem Glauben zu betreiben.

          Auch mache einen Fehler, wer in der "Kritik der Urteilskraft" primär eine philosophische Ästhetik und eine teleologische Theorie der Natur sehe. Dann könne man tatsächlich den Eindruck bekommen, in der Schrift stünden ein zweifaches Gegenstandsinteresse und ein Systeminteresse ziemlich unverbunden nebeneinander.

          Otfried Höffe als Häretiker

          Doch Kant trenne zwar bei der ästhetischen Urteilskraft das Schöne vom Vollkommenen und in der teleologischen Urteilskraft die Natur von der Freiheit. Andererseits sind beide Gegenstände, modern gesprochen: die Ästhetik und die Biologie, durch den Begriff der Zweckmäßigkeit verbunden. Und auf den Begriff der Zweckmäßigkeit baut die Methodenlehre ihre Darstellung vom Endzweck der Welt und der Moraltheologie und schließt damit nicht nur die Kritik der Urteilskraft ab, sondern auch das System, indem sie die Möglichkeit der Verbindung von theoretischer und praktischer Philosophie, Notwendigkeit und Freiheit, Sinnlichem und Übersinnlichem aufzeigt. Am Schönen wie am Lebendigen machen wir die Erfahrung, dass die Welt gut eingerichtet ist. Sie gibt unserem moralischen Handeln Raum. Und eben in der Wirklichkeit der Freiheit liegt der Endzweck von Natur und Geschichte.

          Die prononcierte Selbstdarstellung Höffes als heterodoxer Kant-Interpret mag verwundern, da man die "Kritik der reinen Vernunft" nur zu öffnen braucht, um zu sehen, dass Kant das Wissen aufheben will, um für den Glauben Platz zu bekommen. Und wer sie oder die "Kritik der Urteilskraft" zu Ende liest, der weiß, dass es Kant um das geht, was Hegel die moralische Weltanschauung genannt hat. Obendrein hat die klassische deutsche Philosophie genau beim kantischen Zweckbegriff weitergemacht. Schiller sieht im Schönen als dem Symbol der ausgeführten Bestimmung der Menschheit den Dualismus von Pflicht und Neigung überwunden. Schellings Idealismus nimmt Kunst und Natur als einander spiegelnde Darstellungen der Idee, und für Hegel ist der Staat der Gang Gottes in der Welt. Alle schließen sie direkt an die "Kritik der Urteilskraft" an.

          Aber Höffes Heterodoxie besteht nicht in der Behauptung, dass Kants Denken von einem moralischen Glauben zusammengehalten wird. Häretiker ist er, weil er diesem systematischen Zusammenhang aktuelle philosophische Bedeutsamkeit zuschreibt. Denn angeknüpft wird allerorten an den Erkenntnistheoretiker Kant und an den kantischen Pflichtbegriff. Nicht angeknüpft wird dagegen an den Zweckbegriff. Auch wenn Kant in der Ästhetik gut präsent ist, so doch nur als Begründer der Autonomie der Kunst und mit seinem freien Spiel der Erkenntniskräfte. An der Biologie war die Philosophie bis vor kurzem ohnehin desinteressiert. Und teleologische Betrachtungen von Natur und Geschichte gelten allgemein als überholt. Höffes Position aber möchte prüfen, ob Kant nicht gute Gründe hat, so zu reden, wie er redete. Er ist ein orthodoxer Häretiker.

          Weitere Themen

          Das kann eben nicht Jedi

          Neues „Star Wars“-Videospiel : Das kann eben nicht Jedi

          In fröhlicher Wut mit dem Lichtschwert in den Abgrund schlittern: Mit dem Videospiel „Star Wars Jedi: Fallen Order“ versucht „Electronic Arts“ an den Erfolg einstiger Titel anzuknüpfen. Lohnt sich der Sternenkriegerkampf als Weihnachtsgabe?

          Topmeldungen

          Freie Fahrt? Auf Deutschlands Autobahnen wartet die „größte Verwaltungsreform seit Jahrzehnten“.

          Autobahnen : Besser als Google Maps

          Bald übernimmt der Bund Planung, Bau und Betrieb der Autobahnen. Anfang 2020 beginnt ein erster Härtetest: Eine Verwaltung, die sich Jahrzehnte eingespielt hat, wird durcheinandergewirbelt. Wird alles klappen?
          Die Dividenden ersetzen die Zinsen nicht.

          Die Vermögensfrage : Die Dividende ist nicht der neue Zins

          In Zeiten abgeschaffter Zinsen werden neue Anlagemöglichkeiten gesucht und gefunden: die Dividende. Ein guter Tausch? Dividendentitel können ein attraktiver Bestandteil der eigenen Aktienanlagestrategie sein, den Zins aber ersetzen sie nicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.