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: Kein Buch über Heidegger?

  • Aktualisiert am

Die periodisch aufflammende Affären-Literatur zum Thema "Heidegger und der Nationalsozialismus" bewirkte bisher, daß die Bücher üppig erschienen. Wird sie künftig dafür sorgen, daß manche Bücher nicht mehr erscheinen können? Die Gefahr ist in Frankreich zunächst abgewandt. Nachdem der Gallimard-Verlag ...

          Die periodisch aufflammende Affären-Literatur zum Thema "Heidegger und der Nationalsozialismus" bewirkte bisher, daß die Bücher üppig erschienen. Wird sie künftig dafür sorgen, daß manche Bücher nicht mehr erscheinen können? Die Gefahr ist in Frankreich zunächst abgewandt. Nachdem der Gallimard-Verlag sich aus Angst vor Gerichtsprozessen von einem unterschriebenen und im Programm angekündigten Publikationsprojekt überraschend zurückzog, das auf die im vergangenen Jahr erschienene Kampfschrift von Emmanuel Faye über "Heidegger - L'introduction du nazisme dans la philosophie" antworten sollte, läßt der Fayard-Direktor Claude Durand nun wissen, er werde das Buch publizieren. "Heidegger - à plus forte raison" soll es heißen, was der Herausgeber François Fédier auf deutsch übersetzt sehen möchte als: Heidegger - Gründe statt Unvernunft. Nicht nur Unvernunft, sondern auch wohlkalkulierte Diffamierungslogik ist im Spiel.

          Fédier, der seit Jahren die französische Heidegger-Ausgabe bei Gallimard verwaltet, wurde nach der Publikation von Fayes Buch durch Marcel Gauchet und andere aus dem Gallimard-Verlag ermuntert, eine Entgegnung herauszugeben. Im Oktober vergangenen Jahres war das Gemeinschaftswerk mit elf Beiträgen fertig, im November wurde der Vertrag unterzeichnet, im März 2006 sollte es erscheinen. Doch der Verlagsdirektor Antoine Gallimard hatte plötzlich Bedenken, ließ den Text von seinen Anwälten prüfen und kam zum Schluß, Fédiers eigener Beitrag zum Buch sei in seinem polemischen Ton prozeßverdächtig. Die Bereitschaft Fédiers, seinen Text umzuschreiben, schien das Problem zu beheben. Er heißt nun "Faux procès" und unterläßt weitgehend persönliche Invektiven. In diesem Sommer erklärte Gallimard, er wolle den Band nicht veröffentlichen.

          Emmanuel Faye hatte ein paar Vorabdruckfahnen in die Hand bekommen und für die Zeitungsredaktionen eine vorauseilende Warnung verfaßt mit dem Inhalt, hier komme ein negationistisches Buch. Die Argumentation dieses Papiers lief so: Robert Faurisson, der die Realität der Gaskammern leugnete, war ein Schüler Jean Beaufrets, des Verbreiters von Heidegger im Nachkriegs-Frankreich. In zwei Briefstellen habe dieser 1978/79 sich zu seinem Schüler Faurisson bekannt, sei also ebenfalls ein Negationist. Da Fédier, seinerseits ein Schüler Beaufrets, von den beiden Briefstellen eine andere, entlastende Lesart bietet, müsse auch er als Negationist gelten, das von ihm angekündigte Buch sei ein Beispiel von "erschreckendem Negationismus". Der Name Heidegger kommt auf den fünf Seiten von Fayes Papier außer in Titelnennungen nicht vor. Der Sinn ist jedoch klar: Da der Philosoph in Frankreich von lauter Negationisten verteidigt wird, ist er selbst ein Nationalsozialist und seine Philosophie nationalsozialistisch verseucht. Quod erat demonstrandum: Das war die Grundthese von Emmanuel Fayes Buch im letzten Jahr.

          Zum Glück spiegelt das nicht ganz das Niveau der gegenwärtigen Heidegger-Diskussion in Frankreich. Die längst überholte Debatte, in der nichts Neues kommt, bewirkt ein Austrocknen der, dank Derrida und anderen, bisher auch für Deutschland produktiven französischen Heidegger-Rezeption. Dessen Philosophie wird zusehends zur Sache einiger Spezialisten, während dessen "Fall" in der Öffentlichkeit immer neu im Sud des Nationalsozialismus aufgekocht wird, bis er gar ist, das heißt, bis die Primärtexte aus den Studienprogrammen verschwunden und die Sekundärtexte mit dem Negationismusverdacht disqualifiziert sind.

          Dabei bieten die elf Beiträge im verhinderten Band ein interessantes Autoren-Spektrum, vom prominenten Sorbonne-Professor Marcel Conche bis zu Figuren der neuen Generation. Sie sind nicht alle im aufgeregten, pedantisch-polemischen, allzu personenbezogenen Tonfall verfaßt, den François Fédier als französischer Sachwalter Heideggers oft anschlägt. Dennoch ist Fédiers Beitrag "Faux procès" lesenswert. Er legt kenntnisreich offen, wie über Zitatauswahl, Übersetzung und suggerierte Gedankenassoziation Heideggers Text manipuliert werden kann. In der Vorlesung des Wintersemesters 1934/35 suchte Heidegger anläßlich des Hölderlin-Gedichts "Der Rhein" mit einem vierteiligen Pfeilschema die Begriffszusammenhänge dieses Gedichts anzudeuten. Über einen waghalsigen Analogieschluß glaubte Emmanuel Faye in seinem Buch, dieses Schema als ein verkapptes Swastika-Kreuz lesen zu können.

          In einer anderen Lehrveranstaltung des Wintersemesters 1933/34 ging Heidegger im Zusammenhang von Herrschaft, Führung, Gefolgschaft auf die Frage ein, welche Prägung das Volk im Staat erhalte. "Prägung?" - hakte Faye in seinem Buch ein: Dieser Begriff komme doch bei den Rassentheoretikern Clauß und Rothacker vor. Nicht nur bei ihnen, antwortet Fédier: auch bei vielen anderen, beispielsweise bei Viktor von Weizsäcker. Die Obsession, die untersuchten Texte mit bestimmter Zielvorgabe zuerst von außen her zu determinieren und dann entsprechend zu deuten, dreht sich im Kreis: Heidegger war Nazi, darum war seine Philosophie nationalsozialistisch, und weil sie nationalsozialistisch geprägt war, wurde er selbst zum Nazi. Das Ritual solcher Behauptungen und Widerlegungen wirkte bisher ermüdend. Der Versuch, es mit der Moralkeule des "Negationismus" zu unterbinden, ist schlimmer.

          JOSEPH HANIMANN

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