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: Kein Blumenkübel in der Fußgängerzone

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Richard von Devizes, Benediktinermönch in Winchester, erzählt 1192 folgende Begebenheit: Ein Jude in Frankreich habe sich eines armen, verwaisten Christenjungen angenommen und diesem geraten, nach England zu gehen, wo "Milch und Honig fließt" und jeder Rechtschaffene zu Wohlstand kommen könne.Bevor ...

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          Richard von Devizes, Benediktinermönch in Winchester, erzählt 1192 folgende Begebenheit: Ein Jude in Frankreich habe sich eines armen, verwaisten Christenjungen angenommen und diesem geraten, nach England zu gehen, wo "Milch und Honig fließt" und jeder Rechtschaffene zu Wohlstand kommen könne.

          Bevor dieser sich tatsächlich auf den Weg macht, warnt ihn der Jude, er solle London rasch durchqueren: Jede Menschenrasse, jede Nation unter dem Himmel sei in großer Anzahl vertreten und habe ihre Laster und Sitten mitgebracht. Man könne keine Straße begehen, ohne erbärmlichen Gestalten zu begegnen. Welche Übel und Abartigkeiten es auch immer in der Welt gebe, in London seien sie alle vereint. Sein Zögling müsse sich vor Schauspielern und Possenreißern, unbehaarten Menschen, effeminierten Sodomiten, unzüchtigen Sängerinnen, Rauschgifthändlern, Wahrsagern, Erpressern, Schmierenkomödianten, Magiern, gemeinen Bettlern und so weiter hüten, denn vom schlechten Umgang werde man selbst verdorben.

          Damit begnügt sich der vermeintlich welterfahrene Ratgeber aber nicht, sondern nach London diskreditiert er aus anderen und teilweise gegensätzlichen Gründen auch weitere Städte: Canterbury sei zu meiden, weil dort täglich die Armen auf den Straßen verhungerten, Rochester und Chichester seien eigentlich eher Dörfer, die nichts als ihre Bischöfe zu Städten machten, Oxford könne seine Geistlichen kaum ernähren, in Exeter müssten sich Menschen und Vieh vom selben Getreide ernähren, Bath sei geradezu unter Schwefeldunst begraben, vor Worchester, Chester, Hereford müsse man sich wegen der Waliser in ihrer Verzweiflung in Acht nehmen, York dagegen fließe über von Schotten - nichtswürdigen und glaubenslosen Gesellen -, Ely sei von der Fäulnis seiner Sümpfe befallen, in Durham, Norwich und Lincoln sei unter den Mächtigen nicht einer anzutreffen, der Französisch spreche, und in Bristol gebe es niemanden, der nicht Seifenmacher sei, welchen Beruf kein Franzose schätze.

          Trotzdem gebe es natürlich auch einige brave Menschen, "aber sie sind alle zusammengezählt viel weniger als in Winchester allein". Die Abwertung der anderen soll also der eigenen Stadt zugutekommen, dabei konvergieren die Sichtweisen des Verfassers und seines Protagonisten. Denn in Winchester waren 1189 die Juden vom "Holocaust" wie in London und den übrigen Städten verschont geblieben, so dass der französische Jude seinem jungen Freund überschwenglich sagen kann, dort seien die Mönche so voller Mitleid und Güte, die Kleriker von solchem Verstand und Freimut, die Bürger von Anstand und gutem Glauben, die Frauen von einer Schönheit und Anmut, dass "nur wenig fehlt und ich sollte selbst dorthin gehen und unter solchen Christen Christ werden".

          Richards Parteilichkeit liegt offen zutage, aber der Chronist bietet Erstaunliches. Er zeigt, wie mobil Christen und Juden in der Zeit des Dritten Kreuzzuges waren, dass zwischen ihnen Freundschaft über die Generationen hinweg und im Zeichen der Gelehrsamkeit möglich war, und vor allem: welche Anziehungskraft fremde, besonders große Städte auslösten, sei es durch die vitale Vielfalt der Lebensformen, sei es durch ihre je spezifische Eigenart. Es ist die Faszination durch die reale Möglichkeit eines eigenen Lebensentwurfs, mit der die Städte auch die Heutigen in den Bann schlagen, trotz aller modernen Uniformierung im Zeichen des okzidentalen Modells. Hier finden wir uns dem Mittelalter verwandt, während die Ritter in ihren Rüstungen und Turnieren und die Könige im Farbenspiel ihrer Insignien als stärkste Bilder einer fremden Gegenwelt ohne ernsthafte Empathie vor allem unsere Schaulust befriedigen.

          Historische Erzählung über mittelalterliches Städtewesen hat deshalb mit der Leserschaft leichtes Spiel. Ihre Autoren können auf die Anstrengung der Abstraktion verzichten und müssen weder über den "Idealtyp" der westlichen (oder auch der orientalischen) Stadt nachdenken oder, daran verzweifelnd, "Kriterienbündel" entwickeln; sie müssen auch nicht ergründen, ob besser von Klassen, Ständen oder Gruppen, von Zünften oder Verbänden, vom Gegensatz der Handwerker und Patrizier oder der Kleriker und Laien die Rede sein sollte, um "Bürgerkämpfe" oder "Stadtkonflikte" zu erklären. Sie müssen nicht einmal die schriftlichen, bildlichen und die sachlich erhaltenen Zeugnisse sammeln, um diese "für sich selbst sprechen zu lassen", sondern können mit zahllosen Anknüpfungspunkten ihre Geschichtskonstruktionen souverän entfalten. Der junge Mediävist Jörg Schwarz hat dies soeben in einem gekonnt geschriebenen Buch vorgeführt. Trotz der verführerischen Anleihe im Obertitel bei einem Klischee (das eben einen beträchtlichen Wirklichkeitsgehalt aufweist) hält Schwarz bei aller Liebe zu seinem Thema souveräne Distanz: "Nichts gibt es, erzählt man von der Stadt des Mittelalters, zu beschönigen."

          Nur in einem Punkt hat sich der Autor zu wenige Gedanken gemacht: ob es berechtigt oder nur hilfreich ist, von der "mittelalterlichen Stadt" als Typ zu sprechen. Sein Kunstgriff, immer wieder auf Köln als Exemplum zurückzukommen, verfehlt doch vielleicht das Wesentliche: die städtische Individualität. Die enorme Wandelbarkeit der mittelalterlichen Städte zeigte sich am Schluss auch in Winchester. Der junge Franzose, der um 1200 in England sein Glück gesucht hatte, war zwar dem Rat seines jüdischen Mentors gefolgt, also nach Winchester gegangen und hatte hier sogar im Haus eines Juden Arbeit gefunden. Doch als er plötzlich verschwunden war, verdächtigte man diesen, ihn getötet, geschlachtet und verspeist zu haben. Der Friede zwischen den Religionsgruppen schlug fast schon in eine Verfolgung der Juden um, doch konnten sich diese, wie Richard von Devizes schreibt, mit Gold bei den Richtern loskaufen.

          MICHAEL BORGOLTE

          Jörg Schwarz: "Stadtluft macht frei". Leben in der mittelalterlichen Stadt. Primus Verlag, Darmstadt 2008. 143 S., Abb., geb., 16,90 [Euro].

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