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Kathrin Passig und Sascha Lobo: Internet - Segen oder Fluch : Gemeinsam einsam unter Freunden

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Alles schon mal da gewesen? Kathrin Passig und Sascha Lobo schreiben selbstironisch über das Internet - und liegen mit ihren Befunden häufig ziemlich weit daneben.

          3 Min.

          Eine Nummer kleiner geht es wohl nicht, wenn man weiterhin zu dem wachsenden Stab der deutschen Social-Media-Vordenker gehören möchte: „Internet“ heißt das neue Buch des Autorenduos Kathrin Passig und Sascha Lobo. Sie nähern sich darin dem Internet nicht als technischem Gebilde, sondern als sozialem Raum und beleuchten aktuelle Phänomene, die dort zu beobachten sind und über die teilweise heftig gestritten wird. Sie schaffen es mit einer reflektierten Draufsicht, das eigene Biotop unaufgeregt zu analysieren.

          Der Untertitel lautet „Segen oder Fluch“, das fehlende Fragezeichen ist programmatisch. Denn wäre es als Frage formuliert, hätte der Leser Antworten erwarten können. Was er stattdessen erhält, ist eine Darstellung von Konfliktlinien und die Gegenüberstellung gegensätzlicher Positionen. Dieses „Lagerdenken“ und die Argumente von oft holzschnittartig dargestellten Technikskeptikern und Technikeuphorikern werden skizziert und beleuchtet.

          Schnoddriger und schnörkelloser Ton

          Was wohl absichtlich fehlt, ist die eigene Meinung der Autoren, sie vermeiden zu allen Themen eine klare Positionierung. Nachgezeichnet werden Diskussionen eher als abgespeckte Diskursanalyse. Sparsam eingestreut in das Buch sind nicht ganz ernstgemeinte Argumentationshilfen, die allerdings inhaltlich von brillant und vielschichtig bis bemüht und peinlich pendeln.

          Dominierend sind netzpolitische Fragen: Die spannende politische Diskussion um Netzsperren wird kenntnisreich nachgezeichnet, das Entstehen neuer Öffentlichkeiten im Netz von mehreren Seiten betrachtet, auf Fragen der Netzneutralität eingegangen, dabei stets das Disruptive der Technologien betont. Kurz: Es geht ihnen um die neue „fünfte Gewalt“.

          In einem etwas schnoddrigen, schnörkellosen, aber immer selbstironischen Ton, gespickt mit Anekdoten und Geplänkel, geht es auch um Themen wie die Filtersouveränität und die sogenannte Filterbubble, um Fragen der Beschleunigung und der überbordenden Informationsmenge, um Kollaboration mit technischen Mitteln oder die Einsamkeit zwischen lauter Facebook-“Freunden“.

          Stark überzeichnete Positionen

          Hätte das Buch ein Glossar, wäre unter dem Facebook-Verweis eine Liste mit hundert Fundstellen. Die Betrachtung des Internets hat daher etwas Schlagseite, dürfte dafür aber die Lebenswelt vieler Leser treffen. Entsprechend geprägt ist das Kapitel zur Privatsphäre im Netz, das mit dem Hinweis endet, man könne sich Facebook heutzutage einfach nicht mehr entziehen. Das liegt offenbar außerhalb der Vorstellungskraft der Autoren. Während viele der analysierten Netz-Streitigkeiten facettenreich und vielseitig sind, wird es bei anderen heftig diskutierten aktuellen Netzfragen allzu oberflächlich, manchmal gar ärgerlich platt.

          Dazu gehört der von den Autoren als „ewiger Streit“ ausgemachte „Netzkampf zwischen Kontrolle und Freiheit“. Hier stünden sich „kontrollfixierte Sicherheitsfans“ und freiheitlich orientierte Netzaktivisten unversöhnlich gegenüber. Die Autoren tragen schon zu Beginn vor, dass zum Erklären der gegensätzlichen Positionen ein Schwarzweiß-Zeichnen unumgänglich wäre. Allerdings führt das an mancher Stelle dazu, dass die konfligierenden Standpunkte stark überzeichnet werden. Das Leben besteht bekanntermaßen nicht aus Schwarz und Weiß, sondern überwiegend aus Grautönen.

          Diskussionen aus der Vergangenheit sollen beruhigen

          Zudem verwechseln sie konsequent und nicht nur begrifflich Kontrolle mit Sicherheit. Mal heißt es, es stünde „Sicherheit oder Freiheit“ zur Auswahl, dann wieder „Kontrolle oder Freiheit“. Dieses Gleichsetzen von Kontrolle und Sicherheit ist aber kein sprachlicher Lapsus, sondern offenbar Absicht: Nach Ansicht der Autoren sei die selbstprogrammierbare Maschine zwar die „Manifestation der digitalen Freiheit“, aber zugleich der Grund, „warum Computer von Viren befallen werden können, Fernseher aber nicht“. Vielleicht sollten sie sich mal einen internetfähigen Fernseher zulegen, auf dem gibt es auch Viren.

          Heftig ausgetragene Konflikte wie beim Urheberrecht meiden Passig und Lobo nicht; und sie wagen sich an große Fragen über das Netz im engeren Sinne hinaus, etwa die, ob die Technik uns entmündigt. Dabei ziehen sie wie in allen Kapiteln des Buches Diskussionen aus der Vergangenheit heran. Denn tatsächlich ist - mit anderen technischen Vorzeichen - vieles bereits früher in akademischen oder öffentlichen Zirkeln diskutiert worden. Der im Buch häufig wiederholte Hinweis, dass uns heute umtreibende Sorgen gar nicht so neu seien und in vergangenen Generationen nicht nur diskutiert, sondern gelegentlich auch zur Zufriedenheit gelöst wurden, soll wohl beruhigen.

          Ein Highlight zum Schluss

          Alles schon mal dagewesen, alles bereits unter anderen technischen Bedingungen besprochen. Doch das trifft beileibe nicht immer zu, denn unter den großen und kleinen Technik-Auguren, deren Gedanken zitiert oder paraphrasiert werden, sind eben auch diejenigen Denker, die neuartige Problemfelder durch ihre Schriften erst eröffneten. So etwa Joseph Weizenbaum, der - wie so oft - auch in diesem Buch auf sein Programm „Eliza“ reduziert wird. Sein wegweisendes Werk „Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft“ widme sich „theoretischen Fragen“ und diese seien zudem „lange vor Weizenbaum“ aktuell gewesen, schreiben die Autoren. Weiter daneben kann man leider kaum liegen.

          Immerhin warten Passig und Lobo am Ende mit einem Highlight auf: Die Autoren enthüllen, welche Themen es aus Platzgründen nicht ins Buch geschafft haben. Es sind demnach mindestens ein Dutzend Nachfolgebücher zu erwarten. Hoffentlich werden auch diese den lakonischen Ton und den Schuss Selbstkritik bewahren.

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