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Buch über Simone de Beauvoir : Eine Grundstimme des Feminismus

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„Jeder lebendige Schritt ist eine philosophische Entscheidung“: Simone de Beauvoir im Jahr 1954 Bild: Pierre Boulat / Agentur Focus

Alle Anfeindungen ließ sie hinter sich: Kate Kirkpatrick hat eine vorzügliche intellektuelle Biographie über Simone de Beauvoir geschrieben.

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          Manche Biographien referieren die Chronologie eines Lebens wie einen Zugfahrplan. Kate Kirkpatrick hat dagegen eine stets prägnante Darstellung des Lebens und Denkens von Simone de Beauvoir verfasst, eine intellektuelle Biographie im besten Sinn. Sie verfolgt ein klares Ziel: Gestützt auf neue Materialien – Tagebücher und Briefe – korrigiert sie die verbreitete Wahrnehmung Simone de Beauvoirs als bloße Gefährtin, „Muse“ oder gar „Double“ Jean-Paul Sartres.

          Zwar sei es schwierig, so konzediert die an der Universität Oxford unterrichtende Autorin Kirkpatrick gleich in der Einleitung, „die beiden ohne einander zu denken“. Aber warum verzichteten so viele Nachrufe und Würdigungen Sartres – nach dessen Tod im April 1980 – selbst auf die schlichte Erwähnung des Namens von Simone de Beauvoir, während umgekehrt faktisch alle Nachrufe, die anlässlich ihres eigenen Todes, fast auf den Tag genau sechs Jahre später, publiziert wurden, nochmals die Bedeutung Sartres ausführlich hervorhoben? „Le Monde“ brachte die Nachricht von Beauvoirs Tod unter der Schlagzeile: „Ihr Werk: Mehr Popularisierung als eigene Schöpfung“, und auch viele andere Medien schienen einander geradezu überbieten zu wollen mit abwertenden oder sogar sexistischen Kommentaren.

          Aus Liebesbeziehungen wurden Freundschaften

          Dennoch hat Kate Kirkpatrick jede Idealisierung Simone de Beauvoirs konsequent vermieden. So wird zwar der vielbeschworene „Liebespakt“ zwischen Beauvoir und Sartre – dieses wechselseitige Versprechen der Zuneigung, kritischen Loyalität und Aufrichtigkeit – kommentiert, aber eben auch die zahlreichen Freundschafts- und Liebesbeziehungen der Philosophin: zu Frauen wie Elisabeth „Zaza“ Lacoin, Bianca Bienenfeld (später Lamblin), Olga und Wanda Kosakiewicz, Sylvie Le Bon oder Nathalie Sorokine, zu Männern wie Jacques Champigneulle, Jacques-Laurent Bost, Nelson Algren oder Claude Lanzmann.

          Ihre Liebesbeziehungen endeten selten mit einem Bruch; zumeist wurden sie in langjährige Freundschaften konvertiert. Eine Ausnahme bildete lediglich Algren, der nach dem Ende ihrer leidenschaftlichen Liebesaffäre die Werke Beauvoirs vernichtend kritisierte. Und dennoch wurde Beauvoir mit einem Ring am Finger beigesetzt, den ihr Algren einst geschenkt hatte.

          Einfluss auf Sartre

          Kate Kirkpatrick verliert sich freilich nicht in Details und Anekdoten, sondern wahrt stets den Zusammenhang mit den Werken Beauvoirs. Sie betont, dass Beauvoir schon früh die Frage nach der Liebe philosophisch untersuchen wollte. Lieben, Leben, Denken und Schreiben lassen sich bei ihr nicht gültig voneinander trennen; in einem Essay schreibt sie 1948: „Jeder lebendige Schritt ist eine philosophische Entscheidung.“ Folgerichtig bilden philosophische Texte, Romane, Erzählungen, politische Kommentare, Memoiren, Reiseberichte, Briefe oder Tagebücher nahezu eine Einheit; die Grenzen zwischen den Genres werden mit verblüffender Leichtigkeit überschritten.

          Das zeigt bereits „L’Invitée“ („Sie kam und blieb“), der erste Roman Beauvoirs, geschrieben zwischen 1938 und 1941, veröffentlicht im Jahr 1943. In ihm werden sowohl zentrale Themen der Philosophie Hegels als auch autobiographische Erfahrungen verhandelt; und er hatte einen gewissen Einfluss auf Sartres „L’Être et le Néant“, erschienen wenige Monate später. Kirkpatrick kommentiert zwar einige Übereinstimmungen – etwa das Konzept der „mauvaise foi“, der Unaufrichtigkeit, betreffend oder die Unterscheidung zwischen dem „für sich selbst“ und dem „für andere sein“ –, hält aber eine Debatte über den „Diebstahl“ von Gedanken angesichts des fortlaufenden lebhaften und kritischen Austauschs zwischen Beauvoir und Sartre für ebenso unsinnig wie den Vorwurf, Beauvoir habe bloß die Philosophie Sartres „popularisiert“.

          „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es“

          Dem ersten Roman folgten rasch zwei weitere, 1945 erschien „Le Sang des autres“, 1984 verfilmt von Claude Chabrol; 1946 wurde „Tous les hommes sont mortels“ publiziert. Während „Le Sang des autres“ auch als Roman der Résistance interpretiert werden konnte, schildert „Tous les hommes sont mortels“ das zunehmend sinnloser werdende Leben des unsterblichen Grafen Fosca. Vielleicht verdankte Beauvoir das Thema der Unsterblichkeit der Lektüre von Virginia Woolfs Roman „Orlando“.

          Kirkpatrick erwähnt jedenfalls an mehreren Stellen, dass Beauvoir eine begeisterte Leserin Woolfs gewesen sei. Doch wechselt Virginia Woolfs Orlando nicht nur die Jahrhunderte, sondern auch das Geschlecht; und mit diesem Thema befasst sich Beauvoir in ihrem vermutlich einflussreichsten Buch: „Le Deuxième Sexe“ („Das andere Geschlecht“) von 1949. Zu Recht wird dieses Werk bis heute als Grundtext des modernen Feminismus betrachtet. Es entfaltet nicht nur – vierzig Jahre vor Judith Butlers „Gender Trouble“ (1990) – die Unterscheidung zwischen Sex und Gender, nach Maßgabe des seither vielzitierten Satzes „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es“, sondern auch die Strategien des „Otherings“, der gesellschaftlichen Exklusion der als „anders“ wahrgenommenen Menschen.

          Kaum vorstellbar ist heute, wie heftig und polemisch Beauvoir angefeindet wurde; noch spätere Ehrungen – etwa die Verleihung des Prix Goncourt für den 1954 erschienenen Roman „Les Mandarins“ („Die Mandarins von Paris“) – wurden von giftigen Kommentaren begleitet, ebenso wie die Publikation ihrer fünf Bände umfassenden Memoiren oder des 1970 publizierten Buchs über das Alter, „La Vieillesse“.

          Am Ende ihrer vorzüglichen Biographie fragt Kate Kirkpatrick nach der künftigen Bedeutung Simone de Beauvoirs. Was wird bleiben? Und sie gibt mehrere Antworten. Gewiss bleibe Beauvoir eine Grundstimme des Feminismus im zwanzigsten Jahrhundert, eine bedeutende Philosophin; doch nicht weniger wichtig sei vielleicht, dass sie sich als eine vielfältig „Werdende“ charakterisieren lasse, deren Perspektiven und Denkanstöße noch lange wirken werden.

          Kate Kirkpatrick: „Simone de Beauvoir“. Ein modernes Leben. Aus dem Englischen von Erica Fischer und Christine Richter-Nilsson. Piper Verlag, München 2020. 528 S., geb., 25,– €.

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