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Buch über Simone de Beauvoir : Eine Grundstimme des Feminismus

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„Jeder lebendige Schritt ist eine philosophische Entscheidung“: Simone de Beauvoir im Jahr 1954 Bild: Pierre Boulat / Agentur Focus

Alle Anfeindungen ließ sie hinter sich: Kate Kirkpatrick hat eine vorzügliche intellektuelle Biographie über Simone de Beauvoir geschrieben.

          3 Min.

          Manche Biographien referieren die Chronologie eines Lebens wie einen Zugfahrplan. Kate Kirkpatrick hat dagegen eine stets prägnante Darstellung des Lebens und Denkens von Simone de Beauvoir verfasst, eine intellektuelle Biographie im besten Sinn. Sie verfolgt ein klares Ziel: Gestützt auf neue Materialien – Tagebücher und Briefe – korrigiert sie die verbreitete Wahrnehmung Simone de Beauvoirs als bloße Gefährtin, „Muse“ oder gar „Double“ Jean-Paul Sartres.

          Zwar sei es schwierig, so konzediert die an der Universität Oxford unterrichtende Autorin Kirkpatrick gleich in der Einleitung, „die beiden ohne einander zu denken“. Aber warum verzichteten so viele Nachrufe und Würdigungen Sartres – nach dessen Tod im April 1980 – selbst auf die schlichte Erwähnung des Namens von Simone de Beauvoir, während umgekehrt faktisch alle Nachrufe, die anlässlich ihres eigenen Todes, fast auf den Tag genau sechs Jahre später, publiziert wurden, nochmals die Bedeutung Sartres ausführlich hervorhoben? „Le Monde“ brachte die Nachricht von Beauvoirs Tod unter der Schlagzeile: „Ihr Werk: Mehr Popularisierung als eigene Schöpfung“, und auch viele andere Medien schienen einander geradezu überbieten zu wollen mit abwertenden oder sogar sexistischen Kommentaren.

          Aus Liebesbeziehungen wurden Freundschaften

          Dennoch hat Kate Kirkpatrick jede Idealisierung Simone de Beauvoirs konsequent vermieden. So wird zwar der vielbeschworene „Liebespakt“ zwischen Beauvoir und Sartre – dieses wechselseitige Versprechen der Zuneigung, kritischen Loyalität und Aufrichtigkeit – kommentiert, aber eben auch die zahlreichen Freundschafts- und Liebesbeziehungen der Philosophin: zu Frauen wie Elisabeth „Zaza“ Lacoin, Bianca Bienenfeld (später Lamblin), Olga und Wanda Kosakiewicz, Sylvie Le Bon oder Nathalie Sorokine, zu Männern wie Jacques Champigneulle, Jacques-Laurent Bost, Nelson Algren oder Claude Lanzmann.

          Ihre Liebesbeziehungen endeten selten mit einem Bruch; zumeist wurden sie in langjährige Freundschaften konvertiert. Eine Ausnahme bildete lediglich Algren, der nach dem Ende ihrer leidenschaftlichen Liebesaffäre die Werke Beauvoirs vernichtend kritisierte. Und dennoch wurde Beauvoir mit einem Ring am Finger beigesetzt, den ihr Algren einst geschenkt hatte.

          Einfluss auf Sartre

          Kate Kirkpatrick verliert sich freilich nicht in Details und Anekdoten, sondern wahrt stets den Zusammenhang mit den Werken Beauvoirs. Sie betont, dass Beauvoir schon früh die Frage nach der Liebe philosophisch untersuchen wollte. Lieben, Leben, Denken und Schreiben lassen sich bei ihr nicht gültig voneinander trennen; in einem Essay schreibt sie 1948: „Jeder lebendige Schritt ist eine philosophische Entscheidung.“ Folgerichtig bilden philosophische Texte, Romane, Erzählungen, politische Kommentare, Memoiren, Reiseberichte, Briefe oder Tagebücher nahezu eine Einheit; die Grenzen zwischen den Genres werden mit verblüffender Leichtigkeit überschritten.

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