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Karl Schlögel: Moskau lesen : Als die Metropole einmal glücklich war

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Die erweiterte Neuausgabe von Karl Schlögels großem Moskau-Buch dokumentiert jetzt auch den Umbruch der letzten Jahrzehnte bis zur Gegenwart.

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          Wohl noch niemandem hat die Stadt so viel von sich erzählt. Als der Historiker Karl Schlögel die Skizzen und Beobachtungen, die er während eines Forschungsjahres Anfang der achtziger Jahre in der Sowjetkapitale sammelte, zu dem essayistischen Stadtführer „Moskau lesen“ ausführte, glückte ihm ein großer Wurf, der bei Russland-Liebhabern einen Kultbuchstatus erlangte. Schlögel, der sich als Student in Westberlin dem Kommunismus verschrieben und dann geläutert hatte, näherte sich jetzt dem vielschichtigen, monumentalen, von schweren politischen chirurgischen Eingriffen gezeichneten Großstadtkörper als sensibler Zuhörer, dem kein Signal entging.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Er befragte Bauformen und Adressbücher, studierte Antiquariate und Schrifttafeln. Er ließ sich von der Brutalität und Herzlichkeit der Moskauer ebenso in Erstaunen setzen wie von ihrer Unfähigkeit, wohlwollend Distanz zu halten. So entstand ein auch Nicht-Russophile elektrisierendes Porträt, dessen Tiefenschärfe sich nicht zuletzt der altersmilden Spätphase des Sowjetexperiments verdankt, in der es entstand. Damals schien sich die Zeit erkenntnisfördernd zu verlangsamen, merkt der Verfasser im Vorwort der jetzt vom Hanser-Verlag besorgten erweiterten Neuausgabe an. Dass sein MoskauBildnis für unsere turbulente Gegenwart dadurch freilich auch in eine geradezu antikische Ferne rückt, wird durch die Moskauer Alltagsskizzen von damals bis heute, womit der Autor das Buch anreichert, eher noch unterstrichen.

          Nervenverbindung zur westeuropäischen Kultur

          Längst hängen in Moskau nicht mehr, statt Werbung, politische Losungen, denen man sich leicht entziehen konnte, wie Schlögel damals bemerkte. Heute ist die Stadt von Reklame, die, wie der Autor weiß, auf Intimstes zielt, zugekleistert wie kaum eine andere Stadt. An der Stelle des Freibades „Moskwa“, das die Baugrube des nicht errichteten Sowjet- palastes volkssportlich nutzte, wurde die von Stalin gesprengte Erlöser-Kathedrale als luxuriöse Kitschkopie wieder aufgebaut. In den Buchläden, wo, wie der Text vorführt, anspruchsvolle Literatur hungrig umlagert wurde, verdrängen Schmöker und Kochbücher das gehobene Schrifttum in die hinteren Regale. Und das für Normalbürger unzugängliche Hotelungetüm „Rossija“, in dessen Dachrestaurant der gelehrte Flaneur seinen Kaffee mit Cognac nahm, wurde abgerissen und soll durch ein exklusives Kultur- und Geschäftszentrum ersetzt werden.

          Schlögel wünschte seinem Moskau ein anderes Schicksal. Beim Lesen in dessen steinernem Gedächtnis freut er sich über jede Nervenverbindung zur westeuropäischen Kultur. Etwa über die norditalienischen Baumeister, die Ende des fünfzehnten Jahrhunderts die Kremlmauer errichteten und sie mit den Schwalbenschwanzzinnen des venezianischen Arsenals versahen. Er begeistert sich für den bodenständigen Moskauer Klassizismus, dessen kraftvolles In-sich-ruhen einem, wie er findet, noch in der Grandezza adliger moskowitischer Anarchisten wie Michail Bakunin und Pjotr Kropotkin entgegentritt. Seine besondere Sympathie gehört der bürgerlich ökonomischen Gesinnung, wie sie zu ihm aus dem protokonstruktivistischen Zeitungsgebäude von „Utro Rossii“ (Der Morgen Russlands) spricht, das der Jugendstilarchitekt Fjodor Schechtel 1907 errichtete. Die Kaufmanns- und Fabrikantendynastie Rjabuschinski, die es in Auftrag gab, hatte, stellt er lobend fest, jeden parvenühaften Protzgeschmack hinter sich gelassen.

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