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Karl-Heinz Spieß: Fürsten und Höfe im Mittelalter : Immer auf herrschaftlicher Achse

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Bild: Verlag

Mobilität war auch für frühere Machthaber etwas Selbstverständliches. Fürstliches Leben an mittelalterlichen Höfen dokumentiert ein Buch des Historikers Karl-Heinz Spieß.

          3 Min.

          Als Barbara, die Tochter des glanzvollen Markgrafen Ludovico III. Gonzaga von Mantua, zwölf Jahre alt wurde, warb Kaiser Friedrich III. für einen Neffen um ihre Hand; die höchst ehrenwerte Verbindung kam nicht zustande, aber Barbaras Eltern arbeiteten zielstrebig an einer standesgemäßen Heirat. Im Gespräch waren ein Herzog von Bayern und ein Prinz aus Polen, aber am Ende entschieden sie sich für den Grafen Eberhard von Württemberg aus der Linie Urach (1474).

          Das war kein Fehlgriff, denn der junge Dynast hatte, früh verwaist, im Alter von vierzehn Jahren die Regentschaft übernommen und planmäßig und erfolgreich am Aufbau seines Landes gearbeitet; er würde bald darauf die Universität Tübingen stiften und 1495 vom Kaiser den Herzogstitel erhalten und damit in die kleine, nicht mehr als hundert Köpfe umfassende Gruppe der vornehmen Reichsfürsten aufsteigen.

          150.000 Liter Wein

          Seine Braut beeindruckte er mit einer prächtigen Hochzeit. An drei Festtagen feierten mit dem Paar 4000 geladene Gäste, also Adlige und Fürsten mit ihrem Gefolge, die mit 4280 Pferden in Urach eingetroffen waren. Der Meisterkoch mit 52 weiteren Köchen bereitete für den Fürstentisch Speisen von 18 Gängen, die die Grafen auftrugen; diese selbst bekamen, wenn sie ihren Dienst getan hatten, ein etwas bescheideneres Mahl vorgesetzt. Auch das „Volk“ darbte nicht; am Hochzeitstag selbst wurden 13.000 Menschen versorgt. Der rote und weiße Wein, im ganzen 150.000 Liter, floss aus einem Brunnen, wohl ähnlich dem berühmten Silberbaum, den einst der französische Goldschmied Guillaume Boucher für den Hof der Mongolen im fernen Karakorum angefertigt hatte. Barbara selbst verzauberte die Schwaben, als sie mit ihrem Bruder Rudolfo einen welschen, also italienischen Tanz zur Aufführung brachte.

          Schwer nur gewöhnte sie sich aber ein; das „Frauenzimmer“, in dem sie sich mit ihren Hofdamen aufzuhalten hatte, war für Fremde und schon gar Männer tagsüber kaum zugänglich und wurde nachts, abgesehen von Eberhard, für alle versperrt. Die Eheleute waren indessen ungewöhnlich glücklich. Dabei mussten sie sich mit einem Dolmetscher verständigen, denn Eberhard sprach kein Italienisch und seine Frau kein Deutsch. Selbst das intimste Leben war am Hof öffentlich; als der Mann seiner Frau bei der Geburt des ersten Kindes beistand, bemerkte der Übersetzer selbstironisch, nun werde auch noch eine gute Hebamme aus ihm.

          Wandernder Hausrat

          Die Geschichte Eberhards V. „im Bart“ von Württemberg und seiner Gemahlin Barbara Gonzaga gehört zu den am besten dokumentierten Fällen fürstlichen Lebens an spätmittelalterlichen Höfen. Der Greifswalder Historiker Karl-Heinz Spieß musste im Übrigen eine große Menge von Quellensplittern aus Rechnungsbüchern, Hofordnungen, Chroniken, Urkunden und Briefen, nicht zu vergessen die Sachüberreste und Kunstwerke, sammeln, als er ein Gesamtbild des höchsten deutschen Adels zeichnen wollte. Abgesehen von den rechtlichen Grundlagen des Reichsfürstenstandes und dessen Sozialgeschichte, besonders was das Heiratsverhalten betrifft, konzentriert sich Spieß auf die Funktionen des Hofes als Versorgungsstätte für den Fürsten und seine Familie, als Schauplatz großer Feste zur Repräsentation von Herrschaft, als Instrument der Integration des nachgeordneten Adels sowie natürlich als Mittelpunkt der Verwaltung und Regierung selbst. Am eindrucksvollsten schildert er, neben dem alltäglichen Leben, die Fürstenhochzeiten und die Begängnisse, also die feierlichen Scheinbestattungen Wochen nach der unspektakulären Beisetzung des Leichnams selbst.

          Wie schwer dieses Leben bei allem äußeren Glanz war, wird daran deutlich, dass keiner der (weltlichen) Fürsten eine feste Residenz hatte, sondern mit dem ganzen Hof mehrfach im Jahr seinen Standort wechseln musste; das waren jedes Mal mehrere hundert Menschen einschließlich des Archivs und des ganzen Hausrates - Wandteppiche waren deshalb so beliebt, weil sie mitgeführt werden konnten und in einer sonst kahlen Burg etwas Wohnlichkeit und Wärme spendeten.

          Eine noch ungewohnte Beleuchtung

          Karl-Heinz Spieß hat ein anschauliches und fesselndes Buch geschrieben, in dem er aber auf nicht einmal 150 Seiten und mit vielen Abbildungen von Miniaturen, Tafelmalerei, Preziosen und Bauwerken nicht alle Sachverhalte ansprechen konnte. Vielleicht hätte der Autor schärfer herausarbeiten können, dass der reichsfürstliche Hof eine deutsche Erscheinung mit begrenzten Parallelen in anderen Monarchien war und worin er sich vom Königshof einerseits, den gräflichen oder ritterlichen Residenzen und Burgen andererseits unterschied.

          Eine Aufgabe künftiger Historiker bleibt es auch, den Fürstenhof als geradezu paradigmatische Stätte von Kulturtransfer und Wissenstausch darzustellen und als Knoten im Netzwerk mit anderen Gliedern seiner Art zu beschreiben und zu analysieren. Auf diese Weise könnte es gelingen, die Lokalitäten adliger Lebenswelt mit ihren exotischen Konsumgütern, mit den Schatzkammern voll goldschimmernder und farbenfroher Gaben aus einem unaufhörlichen Geschenkverkehr und nicht zuletzt mit den Schriften ihrer gelehrten Räte in globalhistorischer Perspektive in eine noch ungewohnte Beleuchtung zu rücken.

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