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Karl Heinz Götze: Süßes Frankreich? : Zeig mir das Land, wo die Zitronen tränenvolle Augen kühlen

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Von der Tour de France über das Essen zur Revolution und nicht ohne die Frauen: Karl Heinz Götze berichtet von Geschichte und Gegenwart französischer Alltagsmythen.

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          Ist dieses Thema nicht ausgereizt? Französisches Essen, französische Weine, französische Mode, französische Frauen - Madame de Staël, Heine, Sieburg & Co. haben dazu schon so vieles gesagt. Unser deutscher Literaturprofessor aus Aix-en-Provence lässt sich davon jedoch nicht abschrecken und setzt auf die Widerstandsfähigkeit der Klischees, dieser netten Schattengewächse, die umso schneller nachwachsen, je mehr man rodet.

          Er hat wohl recht. Ist der Boden der bilateralen Vorurteile nach drei Kriegen und zwei Aussöhnungen einmal so fruchtbar geworden wie zwischen Deutschland und Frankreich, kann alle politische EU-Routine ihn nicht so schnell ausdörren. Der Autor gesteht es selbst: Es gäbe viele andere Themen, mit denen Frankreich sich sehen lassen könnte, die Spitzentechnologie, die Qualität seiner Hochgeschwindigkeitszüge, die Verlässlichkeit seiner Atomkraftwerke - aber davon „wollen Sie, lieber Leser, eben nichts wissen“. Also kein Wort davon.

          Vergangen und zugleich ewig

          Dem Verfasser Karl Heinz Götze, der seit vielen Jahren in Frankreich lebt, das Land liebt und deshalb nicht weniger deutsch geblieben ist, wie er selbst sagt, verdanken wir schon reizvolle Bücher wie „Immer Paris“. Sie sind aus einer persönlichen, hellwachen Alltagsbeobachtung heraus geschrieben. Wenn er hier also im Eingangskapitel das Wort „Tour de France“ wörtlich nimmt und beschreibt, was man da außer straffen Beinmuskeln und von Schmerz verkrampften Gesichtern sonst noch sieht oder eben nicht, darf man ihm folgen.

          Man sieht kleine Unstimmigkeiten zwischen grandiosen Landschaften, verhockten Dörfern, dem obligaten Endspurt in Paris auf den Champs-Elysées und fehlenden Banlieue-Siedlungen, Konkurrenten dunkler Hautfarbe und den kaum wahrnehmbaren Blutflecken auf den Westen der Sieger. Man sieht also ein mit Händen greifbares Frankreich, das zugleich vergangen, imaginär und damit ewig ist. Götze versieht seine Schilderungen mit den Ergebnissen von Selbstbeobachtung und aktualisierter historischer Forschung, wie ein Mechaniker vor der Tour das Übersetzungsgetriebe ölt.

          Unterschiedliche Esskultur

          Erklärt der Autor uns aber die latente Abscheu deutscher Durchschnittskonsumenten vor dem Professionalismus des französischen Fleischers, der ganze Lämmer vor den Augen der Kunden zerlegt, mit einer unbewussten deutschen Restscheu vor der Priestergewalt, die „über Tier- und Menschenopfer entschied“, wird die Sache beliebig.

          Man blättert schnell weiter zu persönlicheren Zeugnissen etwa vom Empfangsessen mit den deutsch-französischen Masterstudenten im Restaurant am Fuß der Sainte-Victoire. Die Zielstrebigkeit, mit der die deutsche Jugend mit ihren Sonderwünschen schon bei der Bestellung die Geselligkeit des Ereignisses verpfuscht, bestätigt manche Stereotypen unterschiedlicher Essenskultur. „Versäumte Erziehung“, brummt der Autor zwischen die Zeilen und nimmt sich sofort zurück: „Man kann das natürlich anders sehen.“

          Französische Rabenmütter

          Die Trampelpfade des oft schon Gesagten verlässt Götze hingegen beim Stichwort „französische Frauen“. Seit Friedrich Sieburg hätten deutsche Autoren dieses verminte Thema gemieden oder junkerhaft zur Parabel einer nationaltypischen Marianne hochstilisiert, konstatiert der Professor. Er selbst bleibt in Augenhöhe seiner Beobachtungen. Zu Hilfe kommt ihm dabei, dass das Erfolgsmodell der französischen „Rabenmütter“, jene Verbindung aus Häuslichkeit, Berufsambition, Eleganz und Stress, sich allmählich herumgesprochen hat.

          Kinder von berufstätigen Frauen seien in der Schule eher erfolgreicher, schreibt Götze, denn „es ist einfach normal, die Kinder frühzeitig öffentlicher Betreuung zu überlassen“. Woher kommt aber die den Französinnen dabei nachgesagte Attraktivität? Sie dürfte mit dem zu tun haben, was Götze über den Zusammenhang von Nacktheit und Erotik feststellt.

          Gewalt der Verführung

          Wird in deutschen Saunas oder an FKK-Stränden im Namen der Zwanglosigkeit - „da ist doch nichts dabei!“ - gern die eine mit der anderen abgegolten, bleibt in Frankreich für viele sehr wohl „etwas dabei“, auch im reiferen Alter.

          Hinter diesem „etwas“ steht die für die angelsächsische und auch deutsche Aufrichtigkeitskultur suspekte Gewalt der Verführung, die in Frankreich selbst von Feministinnen noch goutiert wird. Solche Hypothesen bleiben nah an der Boulevardsoziologie, werden hier aber von einem betrieben, der sich auf dem Boulevard auskennt.

          Mit Zitronen gegen Tränengas

          Nach diesen thematisch gut verschnürten Häppchen hatte der Autor aber offenbar noch viel mehr auf dem Herzen. Mit dem Stichwort „Revolution“ wählte er dafür ein sehr weites Themenpaket, in das auch viel Überflüssiges hineinpasst. Am aufschlussreichsten sind da Götzes persönliche Erfahrungen mit der jüngsten französischen Hochschulreform und einige Reminiszenzen zum Ursprung seiner Frankreichliebe.

          Als er als Revolutionstourist im Mai 1968 vor der Sorbonne in einen Zusammenstoß mit der Polizei geriet, bei dem die Bistrostühle durch die Luft flogen, so erzählt er, hätten die Kellner plötzlich ihren ganzen Zitronenvorrat aufgeschnitten und zur Linderung der Tränengaswirkung an die Studenten verteilt. Mit tränenden Augen habe er da begriffen, „dass es sich in diesem Land besser leben ließe als in meinem“. Das kann man auch in diesem Buch noch nachfühlen.

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