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Architektur und Schall : Ohren auf für den Normtrampler

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Qual Trittschall: Zwar ist das Bedürfnis nach Ruhe in den eigenen vier Wänden bekannt, doch die Gebäude kommen dem nicht immer entgegen. Bild: Picture-Alliance

Gibt es ein Recht auf Stille? Sabine von Fischer schreibt eine Geschichte des Kampfes der Architekten gegen hellhörige Häuser – und stellt fest, dass Geräusche Gestank als größte Belästigung abgelöst haben.

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          Eine empfindliche Lücke im biblischen Dekalog hat der Schriftsteller Robert Gernhardt mit seinem Prosagedicht „Das elfte Gebot: Du sollst nicht lärmen“ geschlossen. Welche Erfolge dagegen Architekten und Ingenieure im Kampf gegen Lärm erzielt haben, das beschreibt die Schweizer Architekturhistorikerin Sabine von Fischer in ihrer Studie. Sie geht vom 1929 gegründeten Akustiklabor an der ETH Zürich aus, das unter seinem Leiter Franz Max Osswald eine führende Rolle in der europäischen Bauphysik und Architekturlehre spielte. Die Messung und Manipulation von Schallereignissen markierte zugleich den Siegeszug der technikgläubigen Moderne über die handwerksorientierte Tradition.

          Schalltechniker Osswald arbeitete wie alle modernen Akustiker an zwei Aufgaben: Bei der positiven Schallförderung ging es um die Freisetzung von Wohlklang und Sprachverständlichkeit durch Gebäudegestaltung, wie sie seit der Antike praktiziert wurde. Hinzu kam die neue Aufgabe der negativen Lärmbekämpfung, um unerwünschte Geräusche von Menschen und Maschinen einzudämmen. Zwar dominierte zuvor, so zeigt die Autorin, eine viel schlimmere Volksplage: der Gestank und damit die Angst vor Ansteckungskrankheiten. Doch bereits 1910 prophezeite der deutsche Mediziner Robert Koch: „Eines Tages wird der Mensch den Lärm ebenso unerbittlich bekämpfen müssen wie die Cholera und die Pest.“

          Starke Nerven für das deutsche Volk

          Die Sensibilisierung der Ohren erlebte 1908 einen ersten Höhepunkt, als der jüdische Philosoph Theodor Lessing in Hannover den „Deutschen Lärmschutzverband“ gründete und die Monatszeitschrift „Der Anti-Rüpel – Das Recht auf Stille“ herausgab. Den Berliner Apotheker Maximilian Negwer, der im selben Jahr seine „Ohropax“-Stöpsel erfand, erwähnt die Autorin leider nicht. Überraschend ist der Hinweis auf die hellhörigen Nazis, die 1934 die Baufibel „Das lärmfreie Wohnhaus“ veröffentlichten und von 1935 an „Reichswochen ohne Lärm“ veranstalteten, damit das deutsche Volk, so Robert Ley von der NS-Arbeitsfront, „starke Nerven hat“.

          Nach der Vermessung aller Töne gingen die Akustiker an die Isolierung der Schallquellen. Sie definierten Lärmgrenzwerte, die laut der Autorin stets die Grenze zwischen entgegengesetzten Sphären – Innen und Außen, Eigenes und Fremdes – markierten. In der Tat wird Eigengeruch als ebenso wenig störend empfunden wie Eigenkrach. Deshalb sind es immer die anderen, deren Räume mit Stoff, Watte, Filz, Kork, Schaumstoff zu dämmen sind, um den Hausfrieden zu wahren. Um den Trittschall zwischen den Etagen zu messen, entwickelten Akustiker von 1920 an kuriose Apparate: grobmechanische Spieluhren, in denen anstelle von Glockenschlegeln pfundschwere Hammerköpfe rotierten. Der Schalldruck dieser sogenannten „Normtrampler“ wurde in den Häusern erst von Ohrenzeugen, dann von Dezibelmetern dokumentiert.

          Vasen für die Resonanz

          Vor allem bei modernen Siedlungen – Haselhorst in Berlin, Doldertal in Zürich oder Le Corbusiers Hochhaus in Marseille – mussten manchmal nachträglich teure Dämmungen eingebaut werden, weil die in Tragkonstruktionen eingehängten Fertigbauelemente ideale Körperschallbrücken waren. Schließlich forderte der Modernist Sigfried Giedion von der Keramikindustrie geräuschärmere Klosetts. So konnte Le Corbusier, als er sein Hochhaus in Marseille besuchte, von einer „Wunderwolke“ mit „vollständiger Stille“ schwärmen.

          Die Weingarten-Bauweise erfordert Tropfsteinhöhleninterieurs: Kacheln in der Elbphilharmonie.
          Die Weingarten-Bauweise erfordert Tropfsteinhöhleninterieurs: Kacheln in der Elbphilharmonie. : Bild: Oliver Heissner

          Nach der negativen Schalldämmung schildert Sabine von Fischer die traditionsreichere positive Schallförderung beim Bau von Auditorien. Jahrhundertelang dominierte der Glaube an harmonische Raumproportionen gemäß der antiken Mathematik und Musiktheorie – was die moderne Akustik allerdings für unhaltbar erklärte. Von solchem Zahlenzauber, den erst die Renaissance kultivierte, hielt indes schon der Römer Vitruv wenig. In seiner kurz vor Christi Geburt verfassten Baulehre empfahl er stattdessen die Aufstellung von vasenartigen Tongefäßen in Gebäudenischen, um Häusern Resonanz zu geben.

          Tropfsteinhöhlen für den Klang

          Ein klares Plädoyer für klassisches Bauen findet die Autorin in den Erhebungen des einflussreichen amerikanischen Akustikers Leo Beranek (1914–2016) vom MIT in Boston, der jahrzehntelang über hundert Konzertsäle weltweit untersuchte. Bei Musterbeispielen wie dem Amsterdamer Concertgebouw, dem Wiener Musikverein, dem Berliner Schauspielhaus, der Zürcher Tonhalle oder der Boston Symphony Hall stellte er stets die gleichen Merkmale fest: Es waren allesamt Häuser des neunzehnten Jahrhunderts, die nach dem Schuhschachtel-Prinzip geplant waren. Doch fehlt im vorliegenden Buch leider die nötige Schlussfolgerung aus diesem Befund: dass die ideale Schallausbreitung und Hörbarkeit in den Rechteck-Sälen mit drangvoller Enge und schlechter Sicht erkauft wird. Hier wäre das rivalisierende Weinberg-Prinzip erwähnenswert gewesen, wie es die Philharmonien in Berlin, Hamburg oder Paris aufweisen; allerdings erfordert die großzügige Blick- und Bewegungsfreiheit akustisch den Einbau tropfsteinhöhlenartiger Sekundärarchitekturen und avancierter Klangelektronik.

          Sabine von Fischer: „Das akustische Argument“. Wissenschaft und Hörerfahrung in der Architektur des 20. Jahrhunderts. gta Verlag, Zürich 2019. 367 S., Abb., br., 48,– .
          Sabine von Fischer: „Das akustische Argument“. Wissenschaft und Hörerfahrung in der Architektur des 20. Jahrhunderts. gta Verlag, Zürich 2019. 367 S., Abb., br., 48,– . : Bild: gta Verlag

          Dagegen behandelt Sabine von Fischer Großprojekte wie den Völkerbundpalast in Genf seit 1927 oder das UN-Hauptquartier in New York seit 1946. Sie waren zum Zwecke der Völkerverständigung gebaut, hatten aber schon mit der Verständlichkeit der Redner in ihren Riesensälen zu kämpfen. Empfahl der Zürcher Akustiker Osswald noch maximale Saalgrößen von zwanzigtausend Kubikmetern – was ungefähr dem Amsterdamer Concertgebouw entspricht –, so fiel schon der Genfer Plenarsaal doppelt so groß aus. Deshalb gerieten fortan die Saalwände in Bewegung und breiteten sich trichter- oder muschelförmig vom Podium in die Publikumsreihen aus. Und der Siegeszug der Elektrotechnik machte mit Richtmikrofonen, Lautsprecherbatterien und Kopfhörern selbst taube Säle klingend.

          Gegenüber den Schilderungen der physikalisch-akustischen Technik kommt das sinnlich-auditive Hören im Buch seltsam zu kurz. Wie durch eine Dämmschicht macht die Autorin nur erstickte Töne vernehmbar, die wenig von den Erfahrungen der Protagonisten verraten. Die zerrissenen Erzählfäden in ihrem Buch lassen den Akustiker Osswald immer wieder so überraschend auftauchen wie Woody Allens Phantom „Zelig“. Offenbar hat die Autorin ihren gutgefüllten Archiv- und Zettelkasten nicht systematisch geleert, sondern schwungvoll ausgeschüttet. Dennoch entsteht bei aufmerksam rekapitulierender Lektüre der beruhigende Eindruck, dass Bauphysiker und Architekten dem elften Gebot von Gernhardt längst Gehör schenken.

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