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Kai Vogelsang: Geschichte Chinas : Von fernöstlicher Harmonie keine Spur

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Bild: Verlag

Gegen ein Dickicht von Mythen und mit souveränem Überblick: Kai Vogelsang hat eine exzellente Geschichte Chinas von den Anfängen bis heute vorgelegt.

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          Seit langem hat sich kein Autor in deutscher Sprache an eine Gesamtdarstellung der Geschichte Chinas vom Neolithikum bis zur jeweiligen Gegenwart gewagt. Was es an Überblickswerken aus der letzten Jahrzehnten gibt, endet entweder mit dem Untergang des Kaiserreichs 1911 oder der kommunistischen Machteroberung 1949; manche Übersichten sind schlichtweg zu knapp, um Material und Interpretation entfalten zu können. Das gültige Standardwerk ist Jacques Gernets „Die chinesische Welt“ (erste deutsche Ausgabe 1979) geblieben. Dem Buch des Altmeisters vom Collège de France stellt Kai Vogelsang, ein halbes Jahrhundert jünger, nun eine gleichrangige Alternative an die Seite.

          Selbstverständlich beherrscht der Hamburger Sinologieprofessor sein Metier. Er kennt die Quellen, überblickt die verzweigte internationale Forschung, insofern ein Einzelner eine Übersicht über eine Vielzahl von Spezialfeldern gewinnen kann. Was aber will uns Vogelsang sagen? Diese Frage ist weniger naiv, als sie zunächst klingen mag. Denn der Zugang zur chinesischen Geschichte ist durch ein Dickicht von Mythen verbaut, Mythen zumeist chinesischen Ursprungs, die aber auch westlichen Beobachtern spätestens seit der Jesuitenmission des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts die Komplexität Chinas immer wieder bequem reduziert haben.

          Zerfallener Kulturraum

          Zu diesen Mythen gehört heute die regierungsamtliche Auffassung, mit der chinesische Politiker gerne ihre ausländischen Staatsgäste traktieren, China habe bereits in frühen Zeiten das Ideal einer „harmonischen“ Gesellschaft erreicht und es seither bewahrt, während die Europäer sich in Kriegen und Klassenkämpfen gegenseitig umbrachten. Nach der Lektüre dieser neuen Geschichte Chinas bleibt für solche Soft-Power-Propaganda ebenso ein sardonisches Lächeln wie für die offiziellen Versuche, mit immensem wissenschaftlichem Aufwand eine ungebrochene Geschichte der chinesischen Nation über viertausend Jahre hinweg zu konstruieren.

          Kai Vogelsang seziert solche Phantasmen mit Eleganz und Scharfsinn und erklärt dabei, wie sie zustande kommen und kamen. Sein China ist kein „monolithisches Einheitsreich“, keine „homogene Zivilisation“, sondern ein in sich vielfältig differenzierter Geschichtsraum mit Grenzen, die sich, wenn überhaupt erkennbar, in ständiger Metamorphose befanden. Zwischen den großen Dynastien zersplitterte das 221 vor Christus erstmals geschaffene Imperium immer wieder: In den knapp tausendsiebenhundert Jahren zwischen dem Ende der Han-Dynastie (220) und dem Sturz des letzten Kaiserhauses (1911) zerfiel der chinesische Kulturraum etwa sienbenhundertfünfzig Jahre lang in Teilstaaten.

          Ein Hauch von Luhmannismus

          Das Imperium war stets ein ethnisch plurales Vielvölkerreich, niemals völlig konkurrenzlos von einer einzigen geistigen Orthodoxie - Hauptkandidat: der „Konfuzianismus“ - beherrscht. Daher die Kernthese des Buches: „Die Geschichte Chinas erscheint als Abfolge ehrgeiziger, aber letztlich erfolgloser Versuche der Eliten, die Vielfalt der Kulturen in China einer einheitlichen Ordnung zu unterwerfen.“

          Wie schafft man es, bei einem solch betonten Sinn für Diversität, der zudem darstellerisch durch zahlreiche epochenübergreifende Exkurse über lexikalische Stichworte zum Ausdruck kommt, einen lesbaren Zusammenhang herzustellen? Vogelsang meistert diese Aufgabe durch die Verbindung von drei Kunstgriffen: Erstens schlägt er eine neue Periodisierung jenseits der Standard-Dynastientafel vor. Dabei verwendet er mit sorgfältiger Begründung europäische Kategorien auf eine Weise, die man als „perversely original“ bezeichnen könnte: ein chinesisches „Mittelalter“ beginnt 25 n. Chr., eine „Neuzeit“ 755, nicht mit einem Dynastienwechsel, sondern mitten in der Tang-Zeit. Darüber lässt sich reden.

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