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K. Sello Duiker: Die stille Gewalt der Träume : Von der Lust zur Anarchie

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Eindrucksvolle Milieuschilderung vom Kap der Guten Hoffnung: Der südafrikanische Schriftsteller K. Sello Duiker erzählt von einem apokalyptischen Land voller Hoffnung. Kern seiner furiosen Utopie: das sexuelle Begehren in all seinen Formen.

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          Als Nelson Mandelas Nachfolger 1999 die Macht in Südafrika übernahm, begann das Verhängnis, von dem K. Sello Duiker in seinem fesselnden Roman "Die stille Gewalt der Träume" erzählt: Korruption und Ignoranz der Politiker wuchsen ins Unermessliche, ebenso die Enttäuschung und stille Wut der Armen in den Townships. Thabo Mbeki war nicht nur ein schwacher und unentschlossener, sondern auch zutiefst irrationaler Präsident, der das HIV-Virus als Ansteckungsquelle für Aids leugnete und den Kranken Knoblauch und Rote Beete verordnen ließ statt der bisherigen Medikamente. Seine "natürliche" Gesundheitspolitik kostete nach heutigen Schätzungen 340 000 Menschen das Leben. Auch von der (realen) Gewalt auf den Straßen hielt er nichts und erklärte sie zu einem reinen "Wahrnehmungsproblem".

          Ertrunken im eigenen Leben

          Diese verzweifelte, politische Situation bildet den Hintergrund für Duikers großen Liebes-, Schwulen- und Pop-Roman, der von einer Höllenerfahrung mit ungewissem Ausgang erzählt. Der junge Autor, 1974 in Soweto, dem berühmtesten Township Südafrikas, geboren, bedient sich mit größter Virtuosität und raffinierten Verfremdungen eines klassischen Musters - der Unterweltfahrt -, um eine zerrissene Gesellschaft vor uns aufzublättern. Sein Held Tshepo, schwarz und gebildet, ist ein empfindsamer und nachdenklicher junger Mann. Er studiert in Kapstadt Journalismus und führt ein ganz normales Studentenleben - geht viel aus, liebt Rap-Musik, kifft -, bis er einen Nervenzusammenbruch erleidet. Der Roman setzt mit einem quälenden Selbstgespräch in der psychiatrischen Klinik ein, die eher einem Gefängnis als einem Krankenhaus gleicht, mit ihrer menschenverachtenden Hackordnung zwischen schweren und leichten Fällen.

          Tshepos "cannabisinduzierte Psychose", so die offizielle Diagnose, erfüllt seine beste Freundin Mmabatho mit tiefen Schuldgefühlen, denn sie hatte ihm den ersten Joint gedreht. Er selbst ist ratlos: "Ich ertrank in meinem eigenen Leben, in meinem eigenen Tun. Es war so, als hätte ich jemanden umgebracht und wäre dann vor mir selbst davongelaufen. Und seitdem bin ich auf der Flucht. Ich hab' mir das Hirn zermartert nach einem Wort für das schreckliche Gefühl in mir drin. Diese dumpfe Hässlichkeit, die immer da ist, wenn ich die Augen schließe. Es ist so widerlich."

          Schule der Empfindsamkeit

          K. Sello Duikers zweiter Roman (der bei seinem Erscheinen 2002 begeistert aufgenommen und mit dem Charles-Bosman-Preis ausgezeichnet wurde) ist aus mitreißenden, pointierten Monologen und erinnerten Gesprächen komponiert. Neben den Hauptfiguren treten, wie vor einer imaginären Kamera, weitere Freunde auf und beschreiben behutsam die Verwirrungen der beiden: ihre Angst und Selbstgerechtigkeit, die Angebereien und Ressentiments, aber auch ihre tiefe Freundschaft, die noch aus der gemeinsamen Kindheit im Township herrührt. Der Autor lässt auch zwei Täter zu Wort kommen, die Tshepo vergewaltigt haben - ein früherer Mitbewohner und ein Patient der Klinik -, und stürzt den Leser damit in Seelenqualen, weil er keine Monster, sondern schmerzerfüllte, verletzte Menschen sieht.

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