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Jutta Person: Esel : Man sollte sich bei diesem Tier nicht stur stellen

Bild: Matthes & Seitz Verlag

Aus der Literatur ist er nicht wegzudenken und auch die Philosophie ging an ihm nicht vorbei: Jutta Person hat dem Esel ein sehr einnehmendes Porträt gewidmet.

          Auf einem Esel zog Jesus in Jerusalem ein. Damit das Prophetenwort erfüllt werde, wie die Evangelisten gleich anfügen, dass der König friedfertig und auf einem Esel reitend zur Tochter Zions komme. Bei Matthäus sind es sogar, wegen eines Übersetzungsfehlers, eine Eselin mitsamt ihrem Fohlen. Aber man muss den Verweis auf das Alte Testament natürlich gar nicht im Kopf haben, um das Jesuanische an der Wahl des Esels zu verstehen, dass er hier also für Demut, Duldsamkeit und Langmut einstehen kann. Seine Assistenz in der Heilsgeschichte hat dem Esel denn auch, Naturgeschichten hielten es lange fest, eine symbolische Auszeichnung eingebracht: seinen schwarzen Aalstrich auf Kruppe und Schultern in der Form des Kreuzes.

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton.

          So selbstverständlich aber die physiognomischen Qualitäten des christianisierten Esels anmuten, sie bilden nur eine, wenn auch wichtige Traditionslinie in der gemeinsamen westlichen Kultur- und Naturgeschichte von Mensch und Esel. Dass er vieles über sich ergehen lässt, ohne zum Gegenangriff überzugehen, überaus ausdauernd ist, manchmal auch alle Ausdauer seiner menschlichen Antreiber durch schiere Bewegungverweigerung überbietet, das war als Ensemble von Eigenschaften schon in der Antike verfügbar. Hinzu kam noch ein Charakterzug, der bereits deutlich ins Register der ausgestaltenden Imagination überging, nämlich sexuelle Potenz.

          Esel ist nicht gleich Esel

          Aus diesem Grundbestand ließ sich einiges machen, Literatur und Kunst, Philosophie und Theologie und Populärkultur führen es vor, und immer noch geläufige Alltagswendungen, in denen der Esel zum fast schon wieder freundlichen Vergleich herangezogen wird, natürlich auch ein wenig. Wer diese Terrains nach allen Varianten von Eseln abgrasen würde, käme auf ein stattliches Kompendium.

          Ein solches aber hat die Berliner Kulturwissenschaftlerin und Literaturkritikerin Jutta Person glücklicherweise nicht verfasst, sondern einen eleganten schmalen Essay, der mit Grundzügen der Eseltypologie bekanntmacht. Und das nicht etwa trocken resümierend, sondern überaus lebendig und nahe an den gewählten Beispielen: an den Texten und auch den Bildern, von denen eine hübsche Auswahl in das Bändchen aufgenommen wurde in diesen fünften Titel der von Judith Schalansky herausgegebenen Reihe der „Naturkunden“, einschließlich einer kleinen Porträtgalerie von Eselarten und insbesondere Zuchtrassen und Hybriden, die als kulturhistorische Besonderheiten hervorstechen. Und ein Ausflug zu Eselherden auf der Schwäbischen Alb fehlt auch nicht, damit nicht nur die typologisch schon verarbeiteten Esel ihren Auftritt haben.

          Rivalen im Tierreich

          Um den dummen, begriffsstutzigen Esel ist natürlich nicht herumzukommen. Aber wie schon der christianisierte Esel zeigt, dem nebenher seine sexuellen Eskapaden ausgetrieben wurden, ließ sich das ganz verschieden akzentuieren. Ein Auslegungspfad führt zur frommen Einfalt und zu den Heiligen, die als rechte Esel gezeichnet wurden und durch alle theologischen Examen rasselten, doch ebendas Entscheidende lebten. Die vermeintliche Dummheit ließ sich auch philosophisch wenden, dann wurde aus dem dämlichen im Handumdrehen ein nachgerade sokratischer Esel, der um sein Nichtwissen wusste. So wie auch der hypothetische Esel, der zwischen den ebenfalls hypothetischen absolut gleichen Heuhaufen verhungert, kein hoffnungsloser Fall bleiben musste. Aus diesem Zaudern konnte man etwa die skeptische Tugend entwickeln, das notorisch unsichere Urteilen über die Welt durch Austarieren gleich guter, bloß entgegengesetzt ausfallender Begründungen zu unterlaufen. Mit einem Lob des Esels ließ sich also auf prominenten philosophisch-theologischen Debattenfeldern gut operieren.

          Literarisch war für das Auskommen des Esels seit der Antike ohnehin gut gesorgt. Jutta Person zupft sich umsichtig einige Eselgeschichten aus dieser Karriere für ihre Porträt heraus. Sie vergisst aber auch nicht, die naturgeschichtliche Tradition über die Tierbücher der frühen Neuzeit bis hinauf zu Brehms Tierleben auf die moralische Physiognomik der Langohren abzuklopfen. Und sie geht nicht am Grafen Buffon vorbei, in dessen großer „Naturgeschichte“ es immerhin der Esel war, der diesen wirkmächtigen Autor zu Spekulationen über die Veränderlichkeit der Arten verführte.

          Es war dies übrigens auch ein kleiner Sieg über das Pferd, den dauernden Konkurrenten. Die Autorin lässt freilich gar keinen Zweifel aufkommen, wem sie den Vorzug gibt von den beiden: dem sanftmütig-eigensinnigen und vielleicht auf seine Weise sogar recht gewitzten Langohr. Wer das gleich versteht, sollte zu ihrem Buch greifen; und wer noch zweifelt, erst recht.

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