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Julia Friedrichs: Ideale : Abseits von bequemen Wegen

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Julia Friedrichs hat mit „Ideale" ihren Bestseller „Gestatten: Elite" fortgeschrieben. Sie fragt darin: Was machen Menschen mit ihrer Macht, wenn sie sie nicht geerbt, sondern erarbeitet haben?

          5 Min.

          Die Spezialität der Journalistin Julia Friedrichs ist es, Lebensbereiche und Institutionen zu betreten, die üblicherweise unzugänglich sind; sich Menschen zu nähern, die meistens zugeknöpft bleiben. Diese Fähigkeit prägte schon jene Reportage in der „Zeit“, die Friedrichs im Jahr 2006 bekannt machte. Gerade sechsundzwanzig Jahre alt, hatte sie sich zwecks verdeckter Recherche bei der Beraterfirma McKinsey beworben und an einem Edel-Assessment-Center samt Business-Class-Flug, Fünf-Sterne-Hotel und Segeltörn in der Ägäis teilgenommen. Weil sie gut rechnen und reden konnte, durchsetzungsstark und konfliktfähig erschien, gelang es ihr, das gesamte Verfahren zu durchlaufen bis zu jenem Moment, als man ihr ein exzellentes Gehalt und einen Dienstwagen anbot; den Vertrag unterzeichnete sie nicht.

          Mit ihrer Reportage traf Friedrichs einen Nerv, schimpften doch alle vor fünf Jahren auf Berater - und noch niemand sprach über Banker. Jetzt, da sich die Welt verändert hat, liefert Julia Friedrichs ein Buch - ihr drittes schon -, mit dem sie die gesellschaftlichen Veränderungen seit der Finanzkrise reflektiert. „Ideale“ hat sie das Buch genannt, und das Muster ihrer investigativen Arbeit bleibt auch diesmal gleich: Sie hat mit Menschen gesprochen, die sich nicht jedem Journalisten öffnen, hat hartnäckig nachgefragt bei Konzernen, die ungern Auskünfte geben, schildert Ungereimtheiten, nennt Gehälter und lässt leere Sprechblasen zerplatzen.

          Die Finanzwelt ist wie ein Bergsee

          Zusammengehalten wird all das von Skizzen aus dem ersten Lebensjahr ihres Sohnes: Er ist der Grund, warum sie sich für die Ideale von Menschen interessiert oder, wie sie es einmal formuliert: warum sie Orientierung sucht. Deshalb sucht sie das Gespräch mit Menschen, die sie als praktizierende oder auch als gefallene Idealisten ansieht. Dazu gehören die Politiker Gerhard Schröder, Hans-Christian Ströbele und Rezzo Schlauch, die Schriftsteller Günter Grass und Ingo Schulze, der Manager Peter Hartz und die junge Aktivistin Hanna Poddig, die aus Mülltonnen lebt und sich an Schienen kettet, um Munitionstransporte zu verhindern.

          Die meisten dieser Gesprächspartner haben sich selbst irgendwann einmal als Idealisten bezeichnet oder wurden von anderen so genannt. Friedrichs’ Gespräche mit ihnen sind stimmungsvolle und unterhaltsame Porträts, vor allem aber sind sie in ihrer Exaktheit entlarvend. Ein Banker, dem sie die Schuldfrage stellt, fordert sie auf, sich einen Bergsee als Bild für die Finanzwelt vorzustellen. Gebe man einen Tropfen Öl hinein, dann bestimme der die Qualität des gesamten Wassers. „Aha“, schreibt Friedrichs: „Die Generation Guttenberg werkelt rein wie ein Bergsee fleißig an ihrem Ideal, die Märkte das Geld mehren zu lassen, und sieht nicht, wie böse Kräfte mit einem kleinen Öltropfen alles zunichtemachen.“

          Schwarzer und Fischer sagen einfach nichts

          Mit Gerhard Schröder trifft sie sich, weil sie annimmt, dass er ursprünglich für ein Ideal eintreten wollte, das Friedrichs so beschreibt: „Der, der unten ist, muss es nach oben schaffen können.“ Doch je länger die Unterhaltung dauert, desto deutlicher wird ihr, dass es anders ist: Schröder selbst, als Person, steht dafür, dass ein solcher Weg einst, als die Gesellschaft der Bundesrepublik besonders durchlässig war, möglich gewesen ist; er ist so etwas wie die Projektionsfläche für das Ideal der Chancengleichheit. Mit ihrem Vorwurf, er habe, einmal an der Macht, doch solche Chancengleichheit für alle anstreben müssen, erreicht sie ihn nicht.

          Es fehlen natürlich viele Idealisten in Friedrichs’ Buch: Jene Großverdiener etwa, die das Kindergeld, das sie bekommen, in eine Stiftung fließen lassen, und jene Reichen, die für eine höhere Besteuerung eintreten. Wissenschaftler, die sich ihrer Forschung widmen, ohne an einen Achtstundentag oder an Geld einen Gedanken zu verschwenden. Ganze Gruppen lässt das Buch unberücksichtigt. Aber es fehlen auch ganz konkret zwei Protagonisten der Zeitgeschichte, die partout nicht mit Friedrichs über das Thema Ideale sprechen wollten: Alice Schwarzer und Joschka Fischer, die jedes Mal dann als schemenhafte Figuren im Buch auftauchen, wenn die Autorin die gescheiterten Versuche dokumentiert, mit ihnen Kontakt aufzunehmen.

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