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Juli Gudehus: Das Lesikon der visuellen Kommunikation : Eine Ausschnittsvergrößerung

Bild: Verlag Hermann Schmidt

Selten war die Frage so überflüssig, wozu man so ein Buch braucht: Das „Lesikon“ des Designs ist auch eine riesige Sammlung von Metaphern des Grafikerhandwerks.

          Dies ist ein sehr vergnügliches Buch. Man kann ganze Nachmittage damit verschwenden, lernt dabei immens und macht sich ständig Notizen. Wer es nicht selbst nutzen will, sollte es darum wenigstens verschenken. Die Kriterien dafür sind ganz einfach. Denn um es wunderbar zu finden, braucht es nur drei Dinge: ein Interesse an der Welt der Typographien, des Designs und der Reklame; die Bereitschaft, sich etwas Zeit zu nehmen; und Humor. Aber eigentlich reicht eines davon, denn die anderen beiden stellen sich bei der Lektüre dann von selbst ein. Auch wer, wie wir beispielsweise, gar keine gesteigerte Beziehung zur Schriftkunst, Computergrafik oder Werbung hat, gerät durch das bloße Blättern, Sichfestlesen und das Folgen von Verweisen ganz ohne jede Anstrengung in diese ziemlich interessante Welt aus strengem Handwerk und reiner Verspieltheit hinein.

          Die Grafikerin Juli Gudehus hat 627 Autoren gewonnen, 9704 Begriffe vergeben und neun Jahre lang Geduld bewiesen, um eine dreitausendseitige Enzyklopädie der Druck- und Werbewelt vorzulegen. Mit Einträgen beispielsweise zu „vorlegen“: „Ein seltenes Wort. Selten als Verb. Eher: Vorlage, Wiedervorlage, Badvorleger, anlegen, nachlegen, hinlegen . . .“. Man sieht hieran sogleich, es geht diesem Lexikon einerseits um die Sache, die der visuellen Kommunikation, von der wir in Form von Reklame, Massenmedien und Zeichen aller Arten umstellt sind. Und andererseits geht es um die Sprache dieser visuellen Weltherstellung. Das „Lesikon“ ist darum auch eine riesige Sammlung von Metaphern und entsprechend aufgebaut: nicht strikt alphabetisch, sondern nach Wortgruppen.

          Mit großer linguistischer Verspieltheit

          Ein Abschnitt versammelt so beispielsweise alle Begriffe, die etwas mit dem „Bau“ zu tun haben: Bauhaus, Balkenchart, Meßlatte, Leseschwelle. Ein anderer enthält unter dem Titel „Tennis“ solche Termini: Realplayer, Matchprint, Return, Ballantines, Flops (“Floating Point Operations per Second“) und As. Unter „schlemmen nach Herzenlust“ finden wir den Hinweis auf die Schrifttype „Tagliatelle Sugo“ ebenso wie eine kurze Überlegung zu Buchstabennudeln sowie Erklärungen zum technischen Begriff der „Sättigung“ von Farben.

          Diese linguistische Verspieltheit - der übrigens keine optische entspricht, das Lexikon pflegt keine Layoutmätzchen, sondern eine klare Darstellung, und Bilder gibt es, wozu auch, gar nicht - geht mitunter über in Ironie. Etwa wenn die geklopften Sprüche der Medien- und Reklamebranche kommentiert werden, der „Glaube an sich selbst“, die „Herausforderung“, zu der alles wird, der „Feierabend“, den man in diesen Berufen selbstverständlich niemals hat, oder der „Claim“: „Sie sollten wissen, dass ,Slogan' total has been ist, heute heißt das ,Claim'.“ Das Buch dokumentiert insofern auch ein Milieu, gerade weil die Einträge keinem streng objektivierenden Redigat unterzogen worden sind. Manchmal mag man die Texte zu den Stichworten darum ein wenig idiosynkratisch finden. Aber noch bevor man daran Anstand nimmt, fällt einem auf, dass gerade das eine typische Einstellung dieser Welt des visuellen Kommunizierens bekundet: Idiosynkrasien, Einfälle, Augenblicksevidenzen zu verallgemeinern und darauf zu setzen, dass es das Publikum irgendwie gut findet.

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