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Juli Gudehus: Das Lesikon der visuellen Kommunikation : Eine Ausschnittsvergrößerung

Eine Lupe ist zu empfehlen

Was für das Lexikon allerdings keineswegs heißt, dass die nüchterne professionelle Terminologie der Grafiker, Texter, Layouter und Drucker hier nicht vorkäme. Man kann sich im Gegenteil keinen Wissensbedarf zu diesem Tätigkeitsfeld vorstellen, der hier nicht gedeckt würde. Zur Benutzung des Werks sei - neben einer Lupe - empfohlen, während der Lektüre den Laptop eingeschaltet zu lassen, denn es gibt zu fast jedem Eintrag Hinweise auf Fundstellen im Internet.

Manchmal muss man dann ein bisschen suchen, denn die Verweise führen mitunter nicht sofort zur eigentlichen Quelle. Aber wir hatten ja schon gesagt, dass die Lektüre Zeit voraussetzt, es handelt sich um ein Nachlese-, nicht ein Nachschlagewerk. Den Autoren der Einträge ist oft auch wichtiger, was zu einem Stichwort gesagt worden ist, als was dazu gesagt werden müsste. Es wird insofern mal mehr der Sprachgebrauch dokumentiert, mal mehr anekdotisches Material geliefert, mal auch ganz trocken definiert, was ein Begriff meint.

Einer der schönsten Sachbuchtitel der jüngeren Zeit

Vor allem aber gewinnt das Trumm von Buch durch das viele Wissen, das es speichert. Zum einen ist es technisches Wissen über die Welt des Zeichnens, Druckens, Reproduzierens. Zum anderen ist es Wissen über die Symbole, die aus dieser Welt hervorgegangen sind. Wir erfahren, dass die erste Speisekarte 1784 im Wiener Restaurant „Zum roten Apfel“ ausgegeben wurde, wer eigentlich das „Smiley“-Zeichen erfunden hat, was es mit Alfred E. Neumann auf sich hat, dass die erste Frau mit aufgeknöpfter Bluse 1902 von der Odol-Reklame gezeigt wurde - Stichwort „Ausschnittsvergrößerung“ -, wie Oliver Kalkofe über Kinowerbung denkt und was von Designerin als Traumjob zu halten ist.

Und es wird uns einer der schönsten Sachbuchtitel der jüngeren Zeit bekannt gemacht: „Ne dites pas à ma mère que je suis dans la publicité - elle me croit pianiste dans un bordel“ - „Sag meiner Mutter nicht, dass ich in der Werbung arbeite, sie glaubt, ich bin Pianist in einem Bordell.“ Mindestens genauso gut ist das Lebensmotto des Comiczeichners Hal Foster: „Niemals auf einen sitzenden Vogel schießen. Nie mehr Fische nehmen, als die Bratpfanne fasst. Nie mehr trinken, als ein Gentleman vertragen kann.“ (im Eintrag „Lebensentwurf“)

Niemand wird sofort sagen können, wozu man solches Wissen und solche Merksätze braucht. Auch das passt zum Design und zur Werbung, deren Motto ja „Verschwendet eure Intelligenz“ sein könnte. Aber vielleicht stimmen ja ein paar Leute zu, dass solches Wissen über Speisekarten und Kinowerbung und die Ethik der Vogeljagd am Ende doch irgendwie nützlich ist. Es ist, Inbegriff der Nützlichkeit von Lektüre, gedankenanregend. Mehr Lob ist vermutlich gar nicht möglich. Jedenfalls nicht für ein Lexikon, das im Zeitalter von Wikipedia auf eigentümliche Weise die Ehre des Buches als einem Medium rettet, in dem man findet, was man nicht gesucht hat.

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