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Jürgen Zimmerer (Hrsg.): Kein Platz an der Sonne : Afrikaner kamen bei Grzimek nicht vor

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Bild: Campus

Wie lässt sich die Erinnerung der deutschen Kolonialgeschichte wiedergewinnen? Ein Sammelband versucht es mit Erkundungen zu hervorstechenden Orten, Personen und Ereignissen.

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          Als im April 2001 die Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen ihr „Millennium Africa Renaissance Program“ vorstellte, betonte der Abgeordnete Ströbele die besondere Eignung Deutschlands zur Rolle des Entwicklungshelfers. Er verwies darauf, „dass Deutschland das Glück hatte, sehr früh aus der Kolonialisierung gewaltsam herausgetrieben worden zu sein“. Deutschland könne daher „eine Rolle übernehmen, die unbelastet ist und die deshalb eine Vorreiterrolle sein kann“.

          Diese Ausblendung der Kolonialzeit aus der deutschen Vergangenheit war lange Zeit typisch für die deutsche Erinnerungspolitik. Wenn von Kolonien überhaupt die Rede war, wurde in erster Linie ihre Abwesenheit betont - oder beklagt, etwa als Gerhard Mayer-Vorfelder 1998 den damaligen Niedergang der Fußball-Nationalmannschaft damit erklärte, dass Deutschland (anders als Frankreich) kein Reservoir einbürgerungswilliger Talente aus den Kolonien zur Verfügung stehe. Im kulturellen Archiv der Bundesrepublik hatte der Kolonialismus lange Zeit kaum einen Platz.

          Wirkung des Kolonialismus auf Deutschland

          Inzwischen beginnt sich das in Ansätzen zu ändern. Bündnis 90/Die Grünen waren 2009 die treibende Kraft hinter der Umbenennung des Kreuzberger Gröbenufers - benannt nach Otto von der Gröben, der im Auftrag des Großen Kurfürsten Stützpunkte und Sklaven in Westafrika sichergestellt hatte - in May-Ayim-Ufer, in Erinnerung an die 1996 verstorbene afrodeutsche Schriftstellerin. Die deutsche Nationalmannschaft eilt mit Özil und Khedira, Gündogan und Boateng von Sieg zu Sieg. Und in bildungsbürgerlichen Kreisen wird darüber gestritten, ob rassistische Passagen in Otfried Preußlers „Die kleine Hexe“ oder Astrid Lindgrens „Pippi im Taka-Tuka-Land“ umgeschrieben werden sollen.

          Der von dem Hamburger Historiker Jürgen Zimmerer herausgegebene Band „Kein Platz an der Sonne“ versteht sich als Beitrag zur Rückgewinnung einer kolonialen Erinnerung. In einunddreißig Beiträgen - vom Urwald und Sarotti-Mohr über die „Hunnenrede“ und die Bagdadbahn bis hin zu den Askari und Albert Schweitzers Lambarene - werden Personen, Orte und Ereignisse vorgestellt, an denen die jeweilige Konjunktur kolonialer Themen in Deutschland gut nachvollzogen werden kann. Es geht dabei nicht um die Auswirkungen des Imperialismus auf Afrika oder den Pazifik, sondern vor allem um den Niederschlag, den die Kolonialepoche in Deutschland selbst gehabt hat.

          Wessen Geschichte wird hier erzählt?

          Damit schließt das Buch an die Forderung der Postcolonial Studies an, die Kolonialherrschaft nicht als Einbahnstraße zu betrachten, sondern immer auch die Rückwirkungen auf die Metropole selbst in den Blick zu nehmen. Dies gelingt insgesamt sehr gut, auch wenn die Beiträge von wechselhafter Qualität sind; einige von ihnen prangern in erster Linie die lange Amnesie kolonialer Themen an, statt diese Erinnerungs-Leerstelle in ihrem jeweiligen Zeitkontext zu analysieren und zu erklären. Insgesamt bleibt der Band - der Rhetorik der Erweiterung und globalen Einbettung zum Trotz - ein sehr nationalgeschichtliches Unterfangen.

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