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Jürgen Osterhammel: Die Verwandlung der Welt : Das Panoramabild eines Jahrhunderts

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Ein intellektuelles Feuerwerk und großes Lesevergnügen: Jürgen Osterhammel versteht es, in seiner Weltgeschichte des neunzehnten Jahrhunderts neue Perspektiven mit pointiert erzählten Geschichten zu verbinden.

          Die jüngsten großen Nationalgeschichten der späten Neuzeit Deutschlands gefielen sich darin, mit Aussagen darüber zu beginnen, was „im Anfang“ ihrer Geschichte gewesen sei: Napoleon beziehungsweise Bismarck (Thomas Nipperdey), das Fehlen einer Revolution (Hans-Ulrich Wehler), das Reich (Heinrich August Winkler) oder Brandenburg (Christopher Clark). Jürgen Osterhammels eingängiger und gleichzeitig systematisch-komplexer großer Wurf einer Weltgeschichte des neunzehnten Jahrhunderts ersetzt den Eröffnungspaukenschlag durch eine auf den ersten Blick eher kuriose Erinnerung an ein Ende: daran, dass mit dem Tod von Darwins Schildkröte Harriet 2006 in Australien die allerletzte bekannte, freilich stumme Augenzeugin des neunzehnten Jahrhunderts das Zeitliche gesegnet hat.

          Bei näherem Hinsehen reißt diese Geschichte fast alle Hauptthemen von Osterhammels Erzählung an: Die Archivierungsleidenschaft des neunzehnten Jahrhunderts, ohne die man nicht wüsste, wer Harriet war; die Reisen von Wissenschaftlern, Sträflingen, Arbeitern, Unternehmern, Tieren, Pflanzen, Kunstwerken und Ideen zwischen entlegensten Teilen der Welt, aus denen ein australischer Staat mit botanischen und zoologischen Gärten hervorging; die Reichweite weltumspannender Imperien, die auch die Galapagos-Inseln und Australien verbanden. Schließlich die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen: Darwin ist zwar einer der bekanntesten Intellektuellen des neunzehnten Jahrhunderts geworden, war aber einer jener Privatgelehrten, die in dem universitären Wissenschaftsbetrieb, den dieses Jahrhundert zum Erfolgsmodell erhob, keinen Platz hatten.

          Kurzweilige Lektüre

          Osterhammels Geschichte argumentiert – wie diese Episode beispielhaft zeigt – mit konkreten, überaus klug ausgewählten Beispielen, die dem analytischen Rahmen, den er eher anbietet als aufdrängt, seine besondere Plausibilität verleihen. Diese Technik verführt zu einer so kurzweiligen Lektüre, dass die enorme Syntheseleistung des Autors eigentlich erst am Schluss in vollem Umfang sichtbar wird – im Personenregister noch mehr als im Literaturverzeichnis.

          Wie der Titel des Buches deutlich macht, geht es Osterhammel nicht um eine teleologische Erzählung von Nationalisierung, Modernisierung, Globalisierung oder Standardisierung, sondern zunächst darum, Veränderungen in allen Teilen der Welt zu erfassen und dann zu fragen, ob diese in eine bestimmte Richtung gingen. Die Überprüfung fördert globale Parallelen ebenso zutage wie dramatische Kontraste: etwa zwischen einem europäischen oder osmanischen Archivwesen, die Verwaltungshandeln penibel für die Ewigkeit dokumentierten, und dem chinesischen Historischen Museum, das seine Unterlagen 1921 als Altpapier veräußern wollte, oder zwischen Urbanisierung in Europa und relativer Deurbanisierung in Asien.

          Fünf Merkmale

          Am Anfang des Buches werden vermeintliche Selbstverständlichkeiten – der Chronologie, der Geographie, der mentalen Landkarten – als mögliche orts- und zeitgebundene Vorurteile in Frage gestellt. Damit steht auch für einen Moment der Rahmen des Buches selbst in Frage, da deutlich wird, wie wenig etwa die Französische Revolution auf die Welt ausstrahlte. Osterhammel argumentiert, später – in Epochen, die er Viktorianisches Zeitalter (zwischen etwa 1850 und 1880) und „fin de siècle“ (zwischen etwa 1880 und 1917/19) tauft – habe sich das geändert, was zugleich erklärt, wieso der Schwerpunkt der Darstellung eher in der zweiten Hälfte des rechnerischen Jahrhunderts liegt.

          Osterhammel scheint dieses neunzehnte Jahrhundert durch fünf Merkmale geprägt: „asymmetrische Effizienzsteigerung“, welche den Globus in reiche und arme Regionen zerfallen ließ; wachsende Mobilität; „Referenzverdichtung“, also eine engere kommunikative Vernetzung der Welt, vor allem durch den Telegraphen; „Spannung zwischen Gleichheit und Hierarchie“ und schließlich „Emanzipation“ aus Zwangsarbeit und konfessioneller Homogenität.

          Pointierte Analysen

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