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Jürgen Kniep: Keine Jugendfreigabe! : Gesellschaftliche Tüchtigkeit ist zu beachten

  • -Aktualisiert am

Bild: Wallstein

Bewegte Bilder gegen Leitbilder: Jürgen Knieps materialreiche Geschichte der westdeutschen Filmzensur.

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          Selbst der „Spiegel“ war beeindruckt. Schließlich gelang es in der Nachkriegszeit nicht alle Tage, „3 Militärregierungen, 11 Kultus-, 11 Sozial-, 11 Innenminister, 5 Produzenten-, Verleiher- und Theaterbesitzer-Verbände, die ausländischen Verleiher, 3 Kirchen und die Jugendorganisationen“ unter einen Hut zu bringen. Das Ergebnis des Koordinationskunststücks prägt seit 1949 Sehgewohnheiten der deutschen Kinogänger: Die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) entscheidet, welche Kinofilme - mittlerweile auch Videos und DVDs - für Zuschauer welchen Alters freigegeben werden. In seiner Studie zur westdeutschen Filmzensur bis 1990 beschreibt Jürgen Kniep an Motiven und Folgen dieser Entscheidungen die Grenzen des Zeigbaren in der alten Bundesrepublik.

          Skandal um „Die Sünderin“

          Die lange Liste des „Spiegel“ kündet von der Zahl der Akteure auf dem Feld der Filmzensur. Die amerikanische Militärregierung hatte das Prinzip der Selbstkontrolle befürwortet, um staatlichen Einfluss auf das Filmwesen abzuwenden. Bis die FSK in Wiesbaden die erste Freigabe erteilte, setzte sich allerdings eine spezifisch westdeutsche Form von Selbstkontrolle durch, die eben nicht allein von der Filmwirtschaft ausging, sondern in einem korporatistischen Kompromiss die öffentliche Hand einbezog. Länder, Kirchen und Jugendverbände stellten zwei der sechs Prüfer im Arbeitsausschuss der FSK, der alle Filme beurteilte; die Filmwirtschaft entsandte die übrigen vier. An Hildegard Knef wäre die neue Einrichtung fast gescheitert. Als Prostituierte in Willi Forsts „Die Sünderin“ verdient sie das Geld für eine Krebsoperation ihres Geliebten, der bald wieder erkrankt und nicht länger leiden will. Nachdem sie ihm Sterbehilfe geleistet hat, bringt sie sich um. Das Verhalten der Hauptfigur löste Anfang 1951 den Skandal um den Film aus, der später oft mehr der Nacktheit der Knef zugeschrieben wurde. Aus den Wiesbadener Prüfunterlagen rekonstruiert Kniep die internen Debatten über die Freigabe des Films, die erst fünf Minuten vor der Premiere erfolgte. Tags darauf trat der evangelische Filmbeauftragte Werner Hess als Prüfer zurück, auch die katholische Kirche kündigte die Mitarbeit in der FSK auf.

          Der Rückzug war von kurzer Dauer. Der Arbeitsausschuss wuchs auf acht Mitglieder an, so dass die Kirchen stets vertreten waren und Parität zwischen Filmwirtschaft und öffentlicher Hand bestand. Das Jugendschutzgesetz von 1951 schuf zwar eine Rechtsgrundlage für die altersabhängige Freigabe von Filmen, aber die Erwachsenenfreigabe und die daran gebundenen Schnittauflagen basierten auf dem Konsens der Beteiligten.

          Kritik an der Filmzensur

          Die in den fünfziger Jahren gefundene Form hielt bis in das nächste Jahrzehnt hinein, solange sich negative Annahmen über das populäre Medium Film und über allzu leicht beeinflussbare Publikumsmassen passgenau verbanden. Ein wichtiger Maßstab der Prüfer war die „gesellschaftliche Tüchtigkeit“, der sie die Gefahren politischer, moralischer und religiöser Verwirrung gegenüberstellten.

          Neue Leitbilder wie der „mündige Bürger“ und ein gewandeltes Medienverständnis führten in den sechziger und siebziger Jahren zu Kritik an der Filmzensur. Die Welle der Aufklärungs- und Sexfilme veränderte zudem die Arbeit der FSK, denn ab 1972 oblag die umstrittene Erwachsenenfreigabe nurmehr zwei Prüfern der Filmwirtschaft, während die Vertreter der öffentlichen Hand weiter an der Alterseinstufung für Kinder und Jugendliche mitwirkten. Die Frage, was jungen Kinobesuchern zumutbar sei, wich damals dem Verdacht, dass ihnen etwas vorenthalten werde.

          Indem Kniep Zeitströmungen anschaulich mit Entwicklungen im Jugendschutz, im Filmgeschäft und im Mediengefüge verknüpft, löst er sich von einer Sicht auf Filmzensur als rein restriktives Staatshandeln. Für die achtziger Jahre betont er die „mediale Skandalisierung von Videofilmen“. Damals wurde der freie Zugang zu Horrorstreifen in Fernseh- und Presseberichten zu einem gesellschaftlichen Problem erklärt, wobei auf Sprachfiguren der fünfziger Jahre zurückgegriffen wurde, wenn Filme als Seuche, Gift oder Sucht bezeichnet wurden. 1985 übertrug das novellierte Jugendschutzgesetz der FSK die Altersfreigabe von Videofilmen. Als Reaktion auf die Videodebatte sicherte sich die öffentliche Hand zugleich eine Mehrheit im Arbeitsausschuss. Die von den Amerikanern staatsfern gedachte Selbstkontrolle übte von da an ein „länderdominiertes Jugendschutzgremium“ aus.

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