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Jürgen Herres: „Köln in preußischer Zeit 1815-1871“ : Köln ist ein Gewühl

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Bild: Greven Verlag Köln

Das war auch schon unter den Preußen nicht anders: Jürgen Herres hat eine spannende und hervorragend recherchierte Biographie der Domstadt vorgelegt.

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          In Köln, der Stadt der Mönche und Gebeine,/ Mit einem Pflaster mörderischer Steine,/ Der Stadt der Lumpen, Weiber, Dirnenränke,/ Dort zählt’ ich zweiundsiebenzig Gestänke“. Das Poem Henry William Barrys stammt, was man kaum glauben mag, nicht von heute, sondern aus dem Jahr 1828. Seit der letzten Stadtverdichtung im Spätmittelalter war in Köln mit Ausnahme des 1740 angelegten Neumarkts nicht mehr viel passiert, weshalb der ästhetische Ruf um 1800 fast so schlecht war wie der gegenwärtige: eng, schmutzig, provisorisch, korrupt und voller Bettler sei die Stadt. Dennoch fanden sich immer wieder Fürsprecher. Für Goethe manifestierte sich in Kölns Bauten „eine ganze Kunstgeschichte“.

          Das eigentlich Fortschrittliche zeigt sich indes erst im Rückblick. Die Franzosenzeit wertet der Historiker Jürgen Herres als politischen Modernisierungsschub: Die alte Ständeordnung machte einer neuen Kaufmanns- und Bürgergesellschaft Platz. An der staatsbürgerlichen Rechtsgleichheit vor dem Gesetz, am französischen Gerichtswesen und an der importierten Kommunalverfassung hielten die Rheinländer eisern fest, was nach 1815 zu zahlreichen Reibereien mit den neuen Berliner Machthabern führte.

          Tauziehen um die Pressefreiheit

          Dennoch war es die nervös zwischen Revolution und Patriotismus, Liberalismus und Katholizismus pendelnde preußische Phase Kölns, in welcher der Wiederaufstieg zu einer die ganze Region prägenden Metropole stattfand. In den Jahren bis zur Reichsgründung 1871 differenzierte sich das politische Spektrum aus, nahmen Produktivkraft, Handel, Bevölkerung und Verkehr erheblich zu, auch wenn der Festungsring noch eine letzte Grenze des Wachstums darstellte. In gesellschaftlicher wie wirtschaftlicher Hinsicht war man damit Berlin voraus. Nicht nur der Karneval enthielt nun eine kritische Komponente, überhaupt wurde aus dem rheinischen Regionalismus eine politische Identität: Immer wieder verbündeten sich die städtischen Fraktionen über alle sozialen Barrieren hinweg gegen die Preußen.

          Preußische und städtische Funktionäre lieferten sich ein Tauziehen um Kommunalangelegenheiten, juristische Zuständigkeiten und die Pressefreiheit. Die „Rheinische Zeitung“ mit ihrem Chefredakteur Karl Marx wurde nach nur einem Jahr 1843 wieder verboten. Auch die führende DuMont-Presse lag im Dauerstreit mit den Zensoren. Immer wieder spitzte sich die Lage zu, besonders erbittert waren die Auseinandersetzungen, wenn es um Kirchen- oder Steuerfragen ging. So wuchs andererseits der Zusammenhalt. Den zuvor unbeliebten, frömmelnden Erzbischof Droste zu Vischering, der sich gegen die preußische Vorgabe der Einsegnung konfessionell gemischter Ehen sperrte, machte erst die Verhaftung im Jahre 1837 zu einem Lokalhelden. Im Jahre 1846 brachte das viel zu harte Vorgehen der preußischen Streitkräfte angesichts kleiner Kirchweih-Unruhen die ganze Stadt in Rage, die als Reaktion eine eigene Bürgerwehr aufstellte.

          Köln als Alternativmodell zu Preußen

          Oft wurde den Preußen aber auch zugejubelt, insbesondere dem als Köln-Freund geltenden König Friedrich Wilhelm IV., der 1842 klug den Weiterbau des Doms initiierte und mit „Alaaf“-Rufen immer wieder große Begeisterung auslöste. Nach den insgesamt doch recht kläglichen Revolutionsaufwallungen von 1848 - zum Gespött der ganzen Region machten sich Kölner Demokraten, die Barrikaden auf dem Altermarkt errichteten und diese nach nur einer Nacht ohne jedes Einschreiten der Polizei wieder aufgaben - war es allerdings gerade dieser Monarch, der die Rheinlande als Revolutionsherd brandmarkte und restaurativ durchgriff. Köln aber blieb das „Alternativmodell“ zu Preußen, der Kulturkampf sollte folgen.

          Die Großtendenzen dieser Jahre bis hin zur gleichzeitig pro- und antipreußischen Nationalbegeisterung spielen eine wichtige Rolle in Herres’ Darstellung. Nicht minder wichtig aber sind dem Autor Details, Meinungen und Gerüchte in Dokumenten, Briefen oder Zeitungsartikeln, denn erst sie geben wirklich Aufschluss über die kölnische Lebensrealität zu Beginn der Industrialisierung. Auch deshalb liest man sich gebannt durch diesen (noch vor dem Einsturz des Stadtarchivs) vorzüglich recherchierten, souverän formulierten, gut mit Bildern und Karten ausgestatteten und ein klein wenig rheinisch-stolzen Band aus der ohnehin jedem Köln-Interessierten ans Herz zu legenden Reihe „Geschichte der Stadt Köln“, die seit 2004 im traditionsreichen Greven Verlag erscheint.

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