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Judith Butler: Raster des Krieges : So weit die kriegerische Denkübung trägt

  • -Aktualisiert am

Bild: Campus

Judith Butler fragt nach den Grenzen des Mitleids: Würde man jedes gewaltsam beendete Leben gleichermaßen vermissen, so wären Klage und Trauer bald entleerte Rituale.

          3 Min.

          Warum, so die Frage der Philosophin und Literaturwissenschaftlerin Judith Butler, betrauern wir menschliches Leben eigentlich nicht in gleichem Maße? Warum haben, um es für uns konkret zu machen, in Afghanistan getötete deutsche Soldaten in unserem Trauerritual wie kollektivem Gedächtnis einen viel höheren Stellenwert als getötete Afghanen? Nun könnte man darauf antworten, dass jeder politische und soziale Verband seine eigenen Formen von Trauer und Erinnerung hat und die sich vor allem auf diejenigen beziehen, die diesen Gemeinschaften angehört haben. Wenn die eigenen gegenüber den fremden Toten in Trauer und Erinnerung privilegiert sind, ist das keine Benachteiligung oder gar Herabsetzung, weil andernorts die Eigenen die Fremden und die Fremden die Eigenen sind.

          So gleichen sich Bevorzugung und unterschiedliche Intensität der Trauer wieder aus. Aufs Ganze betrachtet, stellt sich eine Äquivalenz her, bei der eigentlich nur diejenigen durch die Maschen fallen, die namenlos und ohne Herkunftsgruppe sterben beziehungsweise gewaltsam zu Tode kommen. Aber dieses Problem stellt sich weniger im Krieg, sondern eher im Frieden, zumal in Gesellschaften, deren soziale Kohärenz erodiert. Wo dagegen die Unterscheidung von Freund und Feind die Vorstellungswelt der Menschen prägt, ist ein Mangel an sozialer Kohärenz nicht zu befürchten.

          Klage und Trauer als leere Rituale

          Aber diese Antwort würde Judith Butler mit Sicherheit nicht genügen, denn ihre Frage nach der gleichmäßigen Betrauerbarkeit eines jeden Leides zielt auf die universalen Ansprüche, die der Westen politisch und moralisch geltend macht, aber nicht gelten lässt, wenn es um die Betrauerbarkeit der Toten geht. Dann zählen die eigenen Toten, und die anderen fallen nicht ins Gewicht. Nun könnte man darauf wiederum antworten, dass die Imperative des Universalismus unsere Fähigkeit zum Mitleiden und Mittrauern offenkundig überfordern und wir mit so intensiven Gefühlen sparsam und wählerisch umgehen müssen. Es lohnt sich, noch einmal die beachtenswerten Überlegungen nachzulesen, die sich einige Philosophen des 18. Jahrhunderts vor allem zum Mitleid gemacht haben. Würde man jedes vor dem natürlichen Tod gewaltsam beendete menschliche Leben gleichermaßen vermissen und beklagen, so würden Klage und Trauer bald entleerte Rituale sein.

          Was also ist Butlers Problem, das sie in fünf Kapiteln von unterschiedlichen Ausgangspunkten her behandelt? Es sind Guantánamo und Abu Ghraib, dazu die Abtreibungsdebatte in den Vereinigten Staaten, die sofort in die Frage nach der Betrauerbarkeit von Leben hineinspielt, denn wer die Eigen-Fremd-Unterscheidung nicht gelten lassen will, hat auch Probleme mit der biologisch-juridischen Fixierung von Leben nach dem Zeitpunkt der Befruchtung. Über weite Strecken interveniert Butler in eine Debatte der amerikanischen Linken, in der die Bush-Ära tiefe Spuren der Irritation hinterlassen hat. Dazu gehört auch die Spaltung zwischen jenen Gruppen, für die sexuelle Freiheit das Signum einer liberalen Moderne ist, und jenen Gruppierungen, die am Projekt des Multikulturalismus auch dann noch festhalten, wenn daraus islamische Gruppen mit sehr rigiden Moralvorstellungen erwachsen, denen diese liberale Moderne nicht nur zuwider ist, sondern die sie auch beenden wollen. Die Betrauerbarkeit des Lebens korrespondiert mit der Frage nach der Lebbarkeit des Lebens, und da sind Sexualpolitik und Einwanderungspolitik nicht mehr unter einen Hut zu bringen.

          Affeksteuerung über Texte

          Was Butler auf argumentativ hohem Niveau vorführt, ist eine Wanderung von Aporie zu Aporie, denn die Lösungsversuche, die sie entwickelt, führen sehr bald in die nächste Aporie, und so muss sie zuletzt die Vorstellung Individuum selbst aufgeben, um in Foucaultscher Manier nach den formativen Kräften des Individuellen Ausschau zu halten. Hier ist die Gewalt dann nicht mehr das von außen auf das Individuum Zukommende, sondern sie ist ein Bestandteil des Individuums. Spätestens auf dieser Reflexionsebene ist Butler die Ausgangsfrage nach der Trauer abhanden gekommen.

          Zu den etwas handlicheren Teilen des Buchs zählt die Beschäftigung mit den Bildern aus Abu Ghraib und die Auseinandersetzung mit Susan Sontags These, wonach die Affektsteuerung bei Individuen wie in Gesellschaften mehr durch den Text als durch das Bild allein erfolgt. Andernorts konzediert Butler, dass es sehr wohl Fälle gebe, wo man auch bewaffnet intervenieren müsse, um einen Bürgerkrieg oder eine Tyrannenherrschaft zu beenden, aber man dürfe es eben nicht so machen wie die Vereinigten Staaten unter Bush. Hier zeigt sich Butlers eigenes Leiden an den zu Neocons konvertierten Trotzkisten in Bushs Beraterstab: Eine Linke, die prinzipiell auf die Idee der Intervention verzichtet, ist keine mehr. Aber um zu intervenieren, muss man auch die Fähigkeit dazu haben; da bleibt eben außer den Vereinigten Staaten kein geeigneter Adressat übrig. Hier beißt sich die philosophische Katze in den politischen Schwanz. Butlers Buch liest sich wie das Spielen von Etüden: Gelegentlich finden sich interessante Passagen, aber eigentlich läuft alles bloß auf eine Denkübung ohne nachhaltige Folgen hinaus.

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