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Eine Theorie der Überlegenheit : Die Menschen im Westen sind die Besten

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Der Siegeszug des Christentums zeigt sich in den USA auch an den riesigen Gotteshäusern wie der Houston Lakewood Baptist Church. Bild: Nina Berman/Noor/laif

Am Ende bleibt dann doch nur Abendlandsduselei: Joseph Henrich legt eine große Theorie über uns und die Anderen vor. Für Kolonialismus und Genozide ist darin komischerweise kein Platz.

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          Man darf ihn Epimenides nennen, den Elefanten, der hier im Raum ist, nach jenem Kreter also, der sagte, dass alle Kreter lügen, und damit die Selbstaussage ad absurdum führte. Wenn ein kanadischer Anthropologe und Evolutionspsychologe, der in Harvard lehrt, darauf hinweist, dass „sonderbare Menschen“ – grob gesprochen: Bewohner des christlich geprägten Westens („WEIRD“ ist das Akronym dazu: „Western, Educated, Industrialized, Rich, Democratic“) – dazu neigten, die Welt durch eine sonderbare Brille zu sehen, dann stellt sich wohl die Frage, ob dieser Westler, der den Westen auch gleich mit der „modernen Welt“ überblendet, die Brille wirklich abgenommen hat. Und in der Tat: So beachtlich viel Wissen Joseph Henrich in seiner Universaltheorie auch kompiliert (allein das Literaturverzeichnis umfasst neunzig Seiten), hinterlässt sein Buch den schalen Geschmack von Abendlandsduselei.

          Der Autor schreibt den Westlern im Unterschied zur übrigen Welt etwa einen höheren Grad an analytischem Denken, Individualismus, Vertrauenswürdigkeit, Fleiß, Ehrlichkeit, Selbstbeherrschung, Geduld und „unpersönlicher Prosozialität“ (gegenüber Fremden) zu, alles vermeintlich wissenschaftlich bewiesen durch diverse vergleichende Sozialexperimente. Es handele sich, das ist Henrichs zentrale Botschaft, um kulturell erworbene Charaktereigenschaften; genetisch wirke sich das allenfalls in Jahrtausenden aus. Diese elefantöse Studie ist die vielleicht seltsamste Version des kulturalistischen Eurozentrismus (der Nordamerika inkludiert).

          Eher eine gefühlte Zahl

          Sonderbar ist der Autor auch in einer speziellen Hinsicht. Seit der Frühen Neuzeit, heißt es einmal, herrsche im Westen die sonderbare Auffassung, „dass jeder einzelne Mensch vollkommen neues Wissen entdecken konnte“. Henrich gibt sich zwar Mühe, besagten Genieglauben zu widerlegen – komplexe Innovationen entstünden aus der „Addition kleiner Erweiterungen“ –, aber dass er selbst etwas vollkommen Neues entdeckt hat, einen „massiven psychologischen und neurologischen Eisberg, den viele Forscher einfach übersehen haben“, dieser unbescheidene Anspruch springt die Leser seines Buchs geradezu an.

          Joseph Henrich: „Die seltsamsten Menschen der Welt“. Wie der Westen reichlich sonderbar und besonders reich wurde.
          Joseph Henrich: „Die seltsamsten Menschen der Welt“. Wie der Westen reichlich sonderbar und besonders reich wurde. : Bild: Suhrkamp Verlag

          Experimentell arbeitenden Disziplinen wie der Sozialpsychologie, der Kulturanthropologie oder auch den Wirtschaftswissenschaften macht der Autor dabei den massiven Vorwurf, meist nur die eigenen Studenten erforscht zu haben: „Selbst heute . . . sind immer noch über neunzig Prozent der Teilnehmerinnen an experimentellen Studien sonderbar.“ Es ist wohl eher eine gefühlte Zahl. Henrich muss dermaßen laut trommeln, um zu verdecken, dass seine auf über neunhundert Seiten ausgebreiteten Befunde aus der angewandten Völkerpsychologie keineswegs sonderlich neu sind. Wobei er, trotz seiner Hinweise auf eine starke Varianz innerhalb der europäischen/amerikanischen und der außereuropäischen Kohorte sogar einen grundsätzlichen Dualismus feststellen zu können glaubt: „wir“ und die Anderen.

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