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Josef Reichhof: Der Ursprung der Schönheit : Vom Ende der gefährlichen Schönheit

Bild: C.H. Beck Verlag

Wie kommt der Luxus prächtiger Schmuckformen bei Lebewesen zustande? Der Biologe Josef Reichholf wirft einen neuen Blick auf das Konzept der sexuellen Selektion.

          Beim Anblick eines Pfauenschwanzes, so gestand Charles Darwin in einem kurz nach Veröffentlichung der "Origins of Species" verfassten Brief, würde ihm schlecht. Zwar befürchtete Darwin damals durchaus nicht mehr, dass seine Theorie der natürlichen Auslese über die zweckvolle Einrichtung von Organismen und Organen stolpern könnte - des Auges etwa, das ein beliebtes Beispiel für eine vermeintlich höheren Orts gestiftete Konstruktionsleistung war. Aber dafür beunruhigten ihn andere "Besonderheiten" gerade deshalb, weil sie sich offenbar nicht als Anpassungen zugunsten höherer Überlebenstauglichkeit erklären ließen.

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton.

          So wie die Schmuckfedern des männlichen Pfaus, die nicht nur lang sind und farbenprächtig, sondern überdies eine äußerst kunstvoll anmutende ornamentale Zeichnung aufweisen. Gerade auf eine solche Zeichnung verwies einige Jahre später ein Kritiker Darwins: Nimmermehr sei die mit subtilen Schattierungseffekten erreichte Plastizität der Augenornamente auf den Schwanzdeckenfedern des Argusfasans durch eine zufallsgetriebene Entwicklung zu erklären. So wenig wie die schimmernden Prachtgefieder der Kolibris und alle die anderen sich aufdrängenden Beispiele einer in Formen und Farben luxurierenden Natur.

          Die "Augen" des Argusfasans wusste Darwin zu entschärfen, indem er eine Möglichkeit ihrer schrittweisen Herausbildung minutiös nachzeichnete. Aber seine eigentliche Antwort auf das Problem der offenbar auf den Pfaden der natürlichen Selektion nicht erreichbaren Farben und Formen war die Idee der sexuellen Selektion, die schon früh bei ihm auftauchte und dann in "The Descent of Man, and Selection in Relation to Sex" ihren großen Auftritt bekam: dass nämlich die luxuriös anmutenden Schmuckformen ein Selektionseffekt seien, der durch Wahl beim Paarungsakt zustande komme. In der Mehrzahl der Fälle - so wie beim Pfau - durch die Wahl der Weibchen, die jene Männchen bervorzugen, bei denen der arttypische Schmuck besonders überzeugend ausgeprägt ist. Womit die Weibchen über die Generationen hinweg einen Züchtungseffekt hervorbrächten, der aus den Bahnen der natürlichen Selektion, zumindest bis zu einem gewissen Grad, ausbrechen kann.

          Luxus gegen Fitnes

          Darwin war der Ansicht, dass man die Weibchen dabei tatsächlich als ästhetisch beeindruckbar ansehen könne. Nicht so wie wir zwar, die wir viele der ins Auge gefassten Formen ebenfalls als ansprechend und schön empfinden, doch immerhin schon auf dieser Spur. Weshalb Darwin vom Geschmack der Weibchen am Schönen schrieb, von ihrer Empfänglichkeit auch für die Reize des Neuen oder der Abwechslung und damit bereits im Tierreich "Caprice" und "Mode" auf dem aufsteigenden Ast sah. Eine für Darwin bezeichnende und einnehmende Annäherung zwischen Tier und Mensch, die Marx umgehend als Rückprojektion gesellschaftlicher Verhältnisse in die Naturgeschichte entschlüsselte.

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