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Josef H. Reichholf: Warum die Menschen sesshaft wurden : Mobilität macht durstig

  • -Aktualisiert am

Bild: S. Fischer

Der Evolutionsbiologe Josef K. Reichholf sucht nach den Gründen, warum die Menschen sesshaft wurden und kommt zu überraschend neuen Ansichten. Das Bier war der Grund, weshalb aus Jägern und Sammlern Ackerbauern wurden.

          Warum wurden die Menschen sesshaft? Die Antwort ist ganz einfach: Weil sie sich zu viel Kram angeschafft hatten, vor allem schwere, sperrige und zerbrechliche Tontöpfe, die sich so gar nicht für ein Jäger- und Sammlerleben eigneten. Doch die neolithische Revolution wäre nicht „das größte Rätsel unserer Geschichte“, wenn diese Antwort mehr als das allerletzte Glied in einer langen Argumentationskette wäre. Wozu brauchten die Menschen die Töpfe? Der Evolutionsbiologe Josef H. Reichholf hat sich die Lebensbedingungen der Steinzeitmenschen genau angesehen und präsentiert in seinem neuen Buch eine ganz andere Sicht der Dinge, als sie im Schulbuch steht.

          Der verbreiteten Standarderklärung zufolge wurde das Wild knapp, als sich gegen Ende der letzten Eiszeit das Klima veränderte, und um nicht zu verhungern, musste der Mensch eine neue Nahrungsquelle suchen. Die fand er in den Samen der Gräser, die er im Laufe der Jahrtausende zu den modernen Getreidesorten heranzüchtete – und in Tontöpfen lagerte.

          Das steinzeitliche Äckerchen reicht nicht aus

          Was an dieser Erklärung faul ist, kann man in manchen Freilichtmuseen betrachten: Dort finden sich hinter den rekonstruierten nacheiszeitlichen Behausungen manchmal kleine Äcker mit zurückgezüchteten Getreideformen, die Ähren dünn wie die der Gräser am Feldrand, die man im Vorbeigehen mit der Hand abstreift. Es ist eine erschreckende Vorstellung, davon Familien ernähren zu müssen. Tatsächlich ist die Vorstellung nicht nur erschreckend, sie ist einfach falsch, hat Reichholf ausgerechnet. Drei Kilogramm wären pro Tag und Person nötig gewesen, um auf eine angemessene Kalorienversorgung zu kommen, fünf Tonnen pro Familie und Jahr. Wer soll das ernten? Und wo? Das steinzeitliche Äckerchen hinter dem Haus dürfte kaum ausgereicht haben.

          Reichholf zeigt, dass in der Standardgeschichte über die Sesshaftwerdung des Menschen vieles nicht zusammenpasst. Warum sollte ausgerechnet im Bereich des fruchtbaren Halbmondes, also dort, wo der Ackerbau erfunden wurde, das jagbare Wild knapp geworden sein, während die Menschen in der übrigen bereits besiedelten Welt weiter als Jäger und Sammler leben konnten? Warum wurde der Ackerbau in Südamerika Jahrtausende später erfunden, mit ganz anderen Pflanzen und ohne die Züchtung von Haustieren? Und warum entwickelten die Ureinwohner Australiens gar keine Landwirtschaft? Wenn überhaupt, gilt das übliche Modell nur für den Vorderen Orient, folgert Reichholf, und für diese Region einen Sonderweg anzunehmen ist nicht überzeugend, war sie doch nie vom Rest Eurasiens isoliert.

          Am Anfang war das Bier

          Reichholf hat eine andere Theorie: Nicht die Not macht erfinderisch, sondern der Überfluss. Nicht der Hunger hat den Frühmenschen aus dem Wald in die Savanne getrieben, sondern die neuen Möglichkeiten, die sich dort boten, haben ihn gelockt. Und auch der Steinzeitmensch wurde nicht aus Not zum Bauern. Wild zum Jagen gab es genug, dazu kamen Nüsse und Beeren und im Frühjahr die Eier der zurückgekehrten Zugvögel. Das Kultivieren von Wildgetreide war weder eine attraktive noch eine nötige Alternative. Im Gegenteil, es fehlte der „Anfangsvorteil“: die Menschen werden die Gräser kaum mit der Idee gezüchtet haben, sie Tausende von Jahren später zum Backen verwenden zu können.

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