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John Muir und Yosemite : Spaziergänge bei Vollmond

  • -Aktualisiert am

Lichtgestalt des Umweltaktivismus: John Muir sorgte sich um die Ökosysteme Amerikas, lockte mit seinen Texten aber Touristen in die unberührte Natur. Bild: Picture Alliance

Hört auf die Töne der Wildnis: John Muirs Buch über den Yosemite-Park erscheint erstmals auf Deutsch. Ganz ohne Irritation lässt es sich heute allerdings nicht mehr lesen.

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          Die Felsformationen des Yosemite-Nationalparks, die Three Brothers, der Half Dome, El Capitan, übertürmen jedes Individuum. Es kann einem unheimlich werden bei dem Gedanken, wie nichtig man ist in dieser natürlichen Antike. Oder man fühlt sich frei. „Die ganze Welt lag vor mir und ich hatte viel Zeit, also erschien es mir nicht wichtig, in welche Wildnis ich zuerst wanderte“, beschreibt John Muir dieses Gefühl in seinem 1912 veröffentlichten Buch „Yosemite“. Es sind Erinnerungen eines alten Mannes an frühe Erkundungen. Nun liegen sie erstmals auf Deutsch vor. 1868 hatte Muir, der als Gründungsvater des Nationalparkgedankens gilt, erstmals Yosemite bewandert, später verbrachte er mehrere Jahre in der kalifornischen Wildnis.

          Muir wurde 1838 im schottischen Dunbar in eine streng christliche Familie hineingeboren, die wenige Jahre später in die Vereinigten Staaten auswanderte. Die Enge der Kirchendoktrin schüttelte Muir ab, ihr sakrales Vokabular aber wurde zentraler Teil seiner Naturbeschreibungen. Am Yosemite-Wasserfall etwa „summieren sich die Regenbögen, die alles in ein göttliches Licht tauchen“, in den Canyons am Nevada Fall sieht Muir eine „Mühle der Götter, in der ganze Berge zermahlen werden könnten“.

          Fast kindliche Assoziationen

          Weißbärtig wie Rip Van Winkle und sich orientierend am Ethos der Transzendentalisten, wurde Muir zur Urfigur des amerikanischen Naturschutzes. Seine Lehrer im Geiste hießen Ralph Waldo Emerson und Henry David Thoreau. Emerson, der in seinem Essay „Natur“ (1836) die Metapher des „transparenten Augapfels“ einführte, der er unter dem Eindruck der Wildnis werden wolle; Thoreau, der in „Walden“ (1854) die genügsame Abgeschiedenheit der Selbstbewirtschaftung zelebrierte.

          John Muir: „Yosemite“.
          John Muir: „Yosemite“. : Bild: Matthes & Seitz Verlag

          Es verwundert also nicht, dass auch Muir Spiritualität unter Yosemites Gestirnen verspürt. Er wandert unter mammuthaften Sequoias, rutscht auf Händen und Füßen über glitschiges Gestein, spaziert „bei Hochwasser und Vollmond“ Schluchten entlang, kostet den Wildwuchs. Am lebendigsten ist seine Prosa, wenn sie schwelgt und sich fast kindliche Assoziationen erlaubt. „Die Stirn des El Capitan war von langen Schneewehen wie mit Haar geschmückt“, schreibt Muir über den riesigen Felsvorsprung über dem Yosemite Valley.

          Unterwegs mit Theodore Roosevelt

          Auffällig ist, wie stark Muir mit dem Ohr schrieb – wohl auch Ausdruck eines Gefühls der Unzulänglichkeit bloßer Worte, um dem Spektakel gerecht zu werden. Schon 1872 hatte er frustriert notiert: „Keine Menge an Wortmacherei kann je auch nur eine Seele dazu bringen, diese Berge zu ‚kennen‘. Ein Tag in den Bergen ist besser als eine Wagenladung an Büchern.“ Weil sich die Töne dieser Wildnis leichter vermitteln lassen als ihr Antlitz, singt bei Muir der Yosemite-Wasserfall mit der „vollsten und mächtigsten“ Stimme und wird im Frühling zum „Konzertmeister dieses glanzvollen Orchesters“, dessen Sinfonie getragen wird von den Canyon-Strömen, die „mit tiefem Bass wirbelnd durch die Niederungen fegten“. Selbst der Wald wird Instrument: „Wenn man den Klang einzelner Nadeln vernehmen möchte, sollte man bei windigem Wetter auf einen Baum klettern. Jede Nadel ist sorgfältig gestimmt und bringt nicht einen falschen Laut hervor.“

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