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John Lanchester: Die bizarre Geschichte der Finanzen : Warum wurde der menschliche Faktor aus der Gleichung gestrichen?

Bild: Klett-Cotta Verlag

Nur Flaschen essen zu Mittag: Der englische Schriftsteller John Lanchester schreibt eine kurze und heftige Zusammenfassung der Finanzmarktkrise.

          6 Min.

          Die Geschichte hat alles, was eine gute Geschichte braucht - und noch viel mehr. Man hätte sie gar nicht besser erfinden können, wenn sie nicht schon Wirklichkeit gewesen wäre. So blieb dem Romancier, Kritiker und Journalisten John Lanchester nur noch die Möglichkeit, aufzuschreiben, was ihm und vielen anderen Menschen in Form der Finanzmarktkrise rund um den Globus vor die Füße gefallen ist: die Ursachen, Gründe und Mechanismen der größten Kapitalvernichtung in der Geschichte der Menschheit. Und dennoch, stellt Lanchester fest, haben bis heute „zahllose intelligente, belesene Menschen nicht die geringste Ahnung von den simpelsten ökonomischen Grundlagen.“

          Hannes Hintermeier

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Sein Buch eines lesenden und fragenden Denkarbeiters ist im Vorjahr in England erschienen; in der deutschen Ausgabe hat man das dem Titelaufgalopp vorangestellte „Whoops!“ (Hoppla) gestrichen. „Warum jeder jedem etwas schuldet und keiner jemals etwas zurückzahlt“ ist ein Seitenprodukt zu Lanchesters umfangreichem Roman „Kapital“, der auch hierzulande viele Leser gefunden hat. Er handelt von einer kleinen Straße im Süden Londons, die von einer Spekulationswelle erfasst und gentrifiziert wird. Lanchester recherchierte dafür einige Jahre im Finanzsektor, und worauf er dabei stieß, ließ ihm keine Ruhe.

          Das Menetekel der isländischen Staatspleite

          2008 veröffentlichte er in der „London Review of Books“ den Aufsatz „Cityphilia“, dem er seither diverse Betrachtungen nachschickte. Schon damals zeichnete er nach, wie das Geschäftsgebaren der Finanzindustrie in der Londoner City die Wertvorstellungen der britischen Gesellschaft zu überlagern begann: „Gier ist gut“, „Bonuszahlungen um jeden Preis“, „nur Flaschen essen zu Mittag“. Bis „schließlich die Idee des Wertes durch die Idee des Preises ersetzt“ worden sei. Das vorliegende Buch ist die Summe jahrelanger Recherchen, es machte Lanchester zu einem gefragten Kommentator für die andauernde Systemkrise der Bankenwelt. Anfang Januar hat er in der „London Review of Books“ einen äußerst galligen Artikel über die Finanzlage seines Heimatlandes veröffentlicht, der auf der Titelseite mit der Überschrift „The Shit We’re In“ angekündigt wurde.

          Wir stehen an einem Bankautomaten - und es kommt kein Geld: Mit dem Menetekel der isländischen Staatspleite beginnt das Buch. Mit dem Auftakt, der schon wieder in Vergessenheit geraten ist, weil alles, was danach kam, so viel grundstürzender war. Aber die dreihunderttausend Isländer haben erlitten, was vielen Europäern bis heute erspart geblieben ist. Um zu verstehen, was geschah, schiebt Lanchester erst einmal einen Crashkurs im Bankgeschäft ein, um sich dann dem fatalen Jahr 2008 anzunähern. Dessen Vorbote war 2007 der Bankrott der Northern Rock Bank, die Protagonisten des Folgejahrs heißen Bear Stearns, Fannie Mae und Freddie Mac, Lehman Brothers, Goldman Sachs, Morgan Stanley und AIG, damals der größte Versicherungskonzern der Welt.

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