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John Kenneth Galbraith: Eine kurze Geschichte der Spekulation : Spekulationswellen enden mit tödlicher Sicherheit im Crash

Bild: Eichborn

Nach welchen psychologischen Regeln funktionieren die Finanzmärkte? Antworten schöpft John Kenneth Galbraith aus vier Jahrhunderten Kulturgeschichte.

          Als der Wirtschaftswissenschaftler John Kenneth Galbraith im Jahr 1990 sein Büchlein „A Short History of Financial Euphoria“ herausbrachte, gab es im öffentlichen Debattenraum keinen Platz dafür. Der real ausprobierte Gegenentwurf zu den westlich-marktwirtschaftlichen Demokratien war gerade im Begriff, gründlich zu scheitern. Die zivilisatorische Reflexion konzentrierte sich auf die Rekonstruktion der Überlegenheit der eigenen Anschauung und wurde in Thesen wie derjenigen, das Ende der Geschichte sei nun erreicht worden, bisweilen zu einer Eschatologie des modernen Kapitalismus. Was sollte in dieser Zeit eine Schrift, die das Siegersystem kritisiert und darlegt, warum auch Finanzmarktwirtschaften aus sich selbst heraus Probleme schaffen?

          Alexander Armbruster

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          Der Markt kann irren

          Jetzt, zwanzig Jahre später und unter dem Eindruck, dass die Geschichte offenbar doch weitergeht, ist der Text auf Deutsch erschienen unter dem Titel „Eine kurze Geschichte der Spekulation“. Heute wirkt er wie maßgeschneidert, da die Welt die Folgen der größten Finanzkrise seit den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zu bewältigen versucht. Und dies nicht nur, weil Galbraith aus vier Jahrhunderten Kulturgeschichte schöpft, um zu zeigen, dass große Finanzkrisen bisher gar nicht so selten vorgekommen sind. Oder weil er um klare Worte nicht verlegen ist. Sondern weil er Gemeinsamkeiten skizziert, die wenigstens den gedanklich systematischen Umgang mit diesen Schockereignissen ermöglichen. Immer komme vor der Krise die Spekulation.

          „Durch irgendein Produkt oder eine Entwicklung, scheinbar neu und erstrebenswert, wird der wirtschaftliche Verstand beziehungsweise eher das, was man dafür hält, eingelullt“, schreibt er. Und zwar ganz gleich, ob es um Tulpen in Holland, Gold in Louisiana oder Immobilien in Florida gehe. In einer Eigendynamik ist in jedem dieser Beispiele entweder der Preis der Objekte selbst oder derjenige daran gekoppelter Wertpapiere gestiegen. Tulpen wurden in den Niederlanden des Jahres 1636 beispielsweise zu Preisen zwischen umgerechnet fünfundzwanzigtausend und fünfzigtausend Euro verkauft, nachdem sie zu Beginn dieser Finanzblase nur als das angesehen und gehandelt wurden, was sie tatsächlich waren: Blumen eben.

          Auch Ökonomie ist nur Theorie

          Aber auch in den anderen Anekdoten haben jedes Mal anfängliche (übertriebene) Preissteigerungen weitere (übertriebene) Preissteigerungen ausgelöst. Letztendlich entfernte sich dabei nach Ansicht von Galbraith die Vorstellung über die Welt immer weiter von der Welt selbst, denn „in eine Spekulationsphase gewissermaßen eingebaut ist die Euphorie, die Massenflucht aus der Wirklichkeit, die jede ernsthafte Auseinandersetzung mit dem wahren Wesen der realen Abläufe vereitelt“. Was zunächst unauffällig klingt, enthält tatsächlich seine zentrale These: Es sei nicht nur möglich, dass der Einzelne einen Fehler macht, auch die ganze Gesellschaft kann sich täuschen - der Irrtum, er kann eskalieren! Damit unterscheidet sich Galbraith paradigmatisch von der wirtschaftswissenschaftlichen Hauptströmung der vergangenen dreißig Jahre, nach welcher der Vorteil des Marktes gerade darin liege, dass zwar individuell falsche Entscheidungen getroffen werden können, aber der „Markt“ selbst, die Meinung der vielen also, (immer) richtigliege. Für Galbraith tut er das nicht.

          Dass schlimme Finanzkrisen immer wieder passieren, dass „der wiederholte Rückfall in den Schwachsinn“ zu den Merkmalen des Kapitalismus gehört, hängt mit den idealisierten Annahmen vieler Denkmodelle in der Ökonomie zusammen. Galbraith diagnostiziert zum einen ein fehlendes historisches Bewusstsein. „Es gibt nur wenige Bereiche menschlichen Handelns, in denen die Geschichte so wenig zählt wie in der Welt des Geldes.“ Finanzielle Pleiten würden schnell vergessen, zumal dann, wenn eine neue Generation in die Berufe eintrete, in denen es um viel Geld gehe, schreibt er, der ehemalige Präsidentenberater und Harvard-Professor, der 1990 seinen zweiundachtzigsten Geburtstag feierte: „Erfahrungen der Vergangenheit werden, sofern sie überhaupt im Gedächtnis haftengeblieben sind, als simple Ausflucht derjenigen abgetan, die nicht über die notwendige Einsicht verfügen, die unglaublichen Wunder der Gegenwart zu würdigen.“

          Geld ist nicht intelligent

          Hinzu komme eine falsche Idee davon, was Leistung sei, die nach seinen Worten mitunter „trügerische Vorstellung, Geld und Intelligenz müssten miteinander einhergehen“. Das müsse nicht so sein, ebenso wenig wie auch die Leitung etwa großer Banken oder Versicherungen nicht automatisch mit einer „ungewöhnlichen Intelligenz“ gleichgesetzt werden dürfe. „In der Wirklichkeit stehen die Personen an der Spitze dieser Institutionen häufig deshalb dort, weil sie unter ihren Konkurrenten mental am berechenbarsten und daher verwaltungstechnisch am unproblematischsten waren; das kommt in großen Organisationen immer wieder vor.“

          Die Warnung des Autors, der im Jahre 2006 starb, lautet: „Wenn auf einem Markt eine besonders aufgeheizte Stimmung herrscht, wenn von einer einmaligen Gelegenheit geredet wird, die besonderen Weitblick voraussetzt, sollte jeder einen großen Bogen machen; es ist Vorsicht geboten.“

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