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Forschung über Denkprozesse : Lassen sich Anschläge per Gedankenkontrolle verhindern?

  • -Aktualisiert am

Ort komplexer Entscheidungen: ein Netzwerk von Nervenzellen im Gehirn Bild: Picture-Alliance

Von echten Erkenntnissen und hirnloser Hirnforschung: John Dylan-Haynes und Matthias Eckolt erläutern, was man mit bildgebenden Verfahren über unsere Denkvorgänge herausfinden kann.

          4 Min.

          John-Dylan Haynes, Direktor des Berlin Center for Advanced Neuroimaging, ist so etwas wie der Chef-Gedankenleser unter den Hirnforschern. Als einer der Ersten verwendete er Algorithmen des Maschinenlernens, um Muster in den Bildern aus dem Kernspintomographen (fMRT) zu erkennen. Damit sollten Denk- und Entscheidungsvorgänge besser verstanden werden. In ihrem Buch fassen er und Ko-Autor Matthias Eckoldt rund fünfzehn Jahre Forschung auf diesem Gebiet zusammen. Der Untertitel verspricht viel: „Wie unsere Gedanken entstehen und wie man sie lesen kann.“

          Die Idee ist nicht neu. Als der Jenenser Professor Hans Berger vor bald hundert Jahren die Elektroenzephalographie (EEG) entwickelte, dachte man, sich bald Briefe in „Hirnschrift“ schreiben zu können. In den Fünfziger- und Sechzigerjahren gab es dann große Fortschritte auf dem Gebiet der elektrischen Hirnstimulation. Im Kalten Krieg ging das mit Vorstellungen des Gedankenlesens und der Gedankenkontrolle einher. Für manche war es ein Fluch, andere sahen darin einen Segen, etwa bei der Bekämpfung von Kriminalität. Auch die Autoren spielen jetzt mit ähnlichen Gedanken: Hätten sich die Terroranschläge vom 11. September mit einer Gedankenkontrolle am Flughafen verhindern lassen?

          Einschränkungen sind schnell vergessen

          Der Großteil des Buchs vermittelt wissenschaftliche Grundlagen: Wie funktioniert die fMRT? Was ist Mustererkennung? Was sind Gehirn-Computer-Schnittstellen? Wie funktionieren die einschlägigen Experimente? Dabei werden vor allem Haynes’ eigene Studien besprochen. Zahlreiche Abbildungen verdeutlichen die abstrakten Konzepte, Comics lockern die wissenschaftliche Materie auf. In diesem Sinne ist das Buch wirklich gelungen und für eine breite Leserschaft geeignet.

          John-Dylan Haynes und Matthias Eckoldt: „Fenster ins Gehirn“. Wie unsere Gedanken entstehen und wie man sie lesen kann.
          John-Dylan Haynes und Matthias Eckoldt: „Fenster ins Gehirn“. Wie unsere Gedanken entstehen und wie man sie lesen kann. : Bild: Ullstein Verlag

          Forschung muss sich auf das beschränken, was experimentell machbar und ethisch vertretbar ist. Doch Haynes vergisst diese Einschränkungen schnell, sobald er seine Daten interpretiert. Das wird auch im neuen Buch sehr deutlich. Beispielsweise bekommt der Selbstversuch einer Fernsehreporterin ein eigenes Kapitel mit der Überschrift „Computer knacken den Gedankencode“. Die Frau brachte zehn Bilder – von Menschen, Tieren, Sehenswürdigkeiten und Gegenständen – mit, die sie im Kernspintomographen betrachtete. Wie in solchen Versuchen üblich, lernte der Algorithmus in einer ersten Phase, die Messdaten voneinander zu unterscheiden. In der zweiten Phase wurden die Bilder wieder betrachtet, doch musste der Algorithmus nun bestimmen, was die Versuchsperson sah. Fazit: Der Computer habe „eine Trefferquote von hundert Prozent im Erkennen der Gedanken der Journalistin“ erzielt.

          Mythenbildung beim Thema Willensfreiheit

          Dabei wurde hier nichts „geknackt“ und auch kein Gedanke gelesen. Die Bedeutung – dass etwa das Brandenburger Tor gesehen wurde – gibt allein der Versuchsleiter den Gehirndaten, nicht der Computer. Die Reporterin hätte auch etwas ganz anderes sehen, denken oder tun können, solange sich die Datenmuster in der ersten und zweiten Phase nur hinreichend ähneln. „Hirnlose Hirnforschung“ nannte das der Psychologieprofessor Scott Lilienfeld, ein Kritiker der bildgebenden Hirnforschung und ihrer Übertreibungen.

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