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John Darwin: Das unvollendete Weltreich : Sie gehörten nie nur einem Kontinent an

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Bild: Campus

Wie organisierte Gewalt zur Herausbildung einer Identität beitrug: Der Oxforder Historiker John Darwin weiß, warum sich das British Empire so weit ausdehnen und so lange halten konnte.

          Der britische Premierminister Harold Wilson meinte im Jahr 1965, die Grenzen seines Landes seien auf dem Himalaja. Als Verteidigung Indiens gegen die expansiven Interessen Chinas gedacht, brachte Wilson damit gleichwohl die Einmaligkeit des Britischen Weltreichs auf den Punkt. Auf seinen Amtsvorgänger, Harold Macmillan, geht 1960 eine ebenso bemerkenswerte Aussage zurück, als er von den „Winds of Change“ sprach; das Empire passe sich den Zeiten an und löse sich allmählich auf. Beide Reden verfehlten ihre Wirkung nicht. Aber beide spiegelten auf ihre Art, was John Darwin so treffend das „Unvollendete“ des Britischen Empire nennt: auch in der Ära der Dekolonisation gab es kein einheitliches Rezept, wie die politische Kontrolle an die neuen Nationen zu übertragen sei, genauso wenig, wie es in den 400 Jahren davor eine einzige Vision für imperiale Herrschaft gegeben habe.

          Kurz, das Empire war eine Sammlung von miteinander konkurrierenden Entwürfen, in weltgeschichtlicher Perspektive lange Zeit einmalig, gleichwohl überwiegend improvisiert, paradox, großteils dezentralisiert und instabil, und vor allem habe es im Sinne strategischer oder ideologischer Richtlinien zu keiner Zeit einen „master plan“ gegeben. Wichtig ist zudem die Frage nach der weltgeschichtlichen Bedeutung. Lord Macaulay hatte schon im neunzehnten Jahrhundert behauptet, welchen Vorteil Freihandel, demokratische Institutionen und technologischer Fortschritt nicht allein England, sondern der Menschheit insgesamt brächten.

          Vielschichtige Erzählung von Aufstieg und Niedergang

          Zwischen ungefähr 1830 und 1940 auf der Höhe ihrer Macht, waren es die Briten, die zuerst die Vorteile globaler Kommunikation und weitverzweigter Handelsnetze für sich nutzbar machten. Um diese Geschichte in lobenswerter Kürze zu schildern, geht Darwin nicht in chronologischen und auch nicht in regionalen Schritten vor, sondern souverän in thematischen. Seine Leser müssen also bereit sein, mit ihm einen langen Atem über Kontinente und Jahrhunderte zu haben.

          International einer der angesehensten Historiker des britischen Imperialismus und ansässig in Oxford, trägt Darwin seine Thesen in gelehrter Distanz und englischer Eleganz vor. Dass sein neuestes Buch nur innerhalb eines Jahres nun auch auf Deutsch vorliegt, ist eine großartige Sache. Allerdings hätte der Untertitel, der in der Originalfassung die globale Dimension der britischen Expansion einfängt, nicht analog der Diktion Edward Gibbons übersetzt werden dürfen.

          Denn Darwins Buch ist alles andere als eine lineare Meistererzählung von Aufstieg und Niedergang eines Reiches. Im Gegenteil, es stellt die Frage nach dem Warum, Wer und Wie: Warum wurde überhaupt das Empire errichtet, wer war insbesondere daran interessiert und beteiligt, und wie konnte es sich im Unterschied zu seinen europäischen und nichteuropäischen Konkurrenten so lange halten?

          Organisierte Gewalt als fester Bestandteil imperialer Herrschaft

          Kolonisieren, Zivilisieren, Missionieren und Handel treiben, das waren die wichtigsten Säulen, auf denen die Motivationen für die Expansion ruhten. Händler, Siedler, Soldaten, Administratoren, Missionare und Politiker, sie alle besaßen ein spezifisches, nicht zuletzt privatwirtschaftliches Interesse. Hier aber hätte Darwin den Forschungsreisenden und Naturwissenschaftlern, überhaupt ideen- und kulturgeschichtlichen Fragen mehr Raum schenken können, während er sich insbesondere auf Politik, Verwaltung und Wirtschaft konzentriert.

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