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Johannes Kepler: Der Traum, oder: Mond-Astronomie : Im Schatten der Erde fliegen die Dämonen

Bild: Verlag

Vor mehr als vierhundert Jahren dachte sich Johannes Kepler auf den Mond: Sein Text, der nun erstmals vollständig auf Deutsch vorliegt, ist ein wissenschaftlich- literarisches Spiel, das für sich einzunehmen versteht.

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          Am Ende des Jahres 1609 richtet Galileo Galilei in Padua sein neues Fernrohr auf den Mond und sieht - die Erde als Planeten im Weltraum. So zumindest ist am bündigsten formuliert, wie sich bei Galilei die kopernikanische Erwartung mit dem teleskopischen Befund verband. Durch das neue Instrument optisch herangeholt, zeigte sich der Mond als ganz und gar nicht idealer Himmelskörper, der er nach gängiger naturphilosophischer Lehre eigentlich hätte sein sollen. Stattdessen offenbarte er eine unebene Oberfläche, profiliert im reflektierten Sonnenlicht, das ihn nur dem bloßen Auge als gleichmäßig leuchtenden Himmelskörper erscheinen lässt - so wie wohl auch die Erde einem entfernten Beobachter erscheinen würde. Womit nichts mehr dafür sprach, sie als Statthalterin der sublunaren Sphäre und einer nur ihr zugeordneten Physik anzusehen.

          Helmut Mayer
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Eine solche Umkehrung der Perspektive lag vor kopernikanischem Hintergrund nahe. Mit Verve durchgespielt hat sie allerdings nicht Galilei, sondern Johannes Kepler, der andere und offen bekennende Kopernikaner, der dazu auch gar nicht auf das Fernrohr wartete. Schon 1593 als Student in Tübingen dürfte Kepler dazu einiges durch den Kopf gegangen sein. Wenige Monate vor Galileis teleskopischen Entdeckungen dann beschrieb er, damals bereits am Hof von Rudolf II. in Prag und Nachfolger Tycho Brahes als kaiserlicher Astronom, detailreich, wie sich die Erde von der Mondoberfläche aus zeigen müsste. Doch nicht nur das: Auch eine Technik des Reisens zum Mond führte er vor, erschloss Anatomie und Lebensweise der Mondbewohner und spekulierte über klimatische Verhältnisse nebst anderen selenographischen Besonderheiten.

          Eine fatale Nebenwirkung

          Es ist ein merkwürdiger und faszinierender Text, den Kepler im Sommer 1609 zu Papier brachte: Ein Plädoyer für die physikalische Wahrheit des Kopernikanismus in Form einer spielerisch gehandhabten Invention, die als Traumerzählung auftritt und noch im phantastisch gestalteten Detail nie die astronomisch-physikalische Beweisabsicht aus dem Blick verliert. Kopernikus steht dabei Pate, ebenso die zeitgenössischen Berichte von neu entdeckten Weltgegenden und auch die antiken Vorläufer in Sachen imaginierte Mondreisen, Lukian etwa und Plutarch, dessen Schrift über das Mondgesicht Kepler später der Druckfassung seines Texts beigab.

          Doch bis zum Erscheinen des "Traums oder: Mond-Astronomie" (Somnium sive Astronomia Lunaris) als Buch sollten dann noch viele Jahre vergehen. Vorerst kursierte der Text nur in Abschriften, von denen eine auch in Keplers schwäbische Heimat gelangte und dort recht fatale Wirkungen entfaltete. Kepler hatte eine recht verwinkelte Form für sein kopernikanisches Capriccio gewählt, das innerhalb des Traumberichts noch einmal eine sehr exotisch anmutende Geschichte erzählt, die ihrerseits wiederum in die Beschwörung eines Dämons mündet, der dann erst die eigentliche Beschreibung von "Levania", also des Mondes, gibt.

          Anmerkungen vieler Art

          Wobei der Dämon aus Levania als witzige Erfindung wohl durchgegangen wäre. Aber dass dieser Geist in der Binnengeschichte von der Mutter des deutlich an Kepler erinnernden Erzählers mit einem Zauberritual beschworen wird, diese Mutter auch noch davon lebt, "unter allerlei Riten" gesammelte Kräuter zu kochen - das bekam auf unglückliche Weise Gewicht, als sich im schwäbischen Leonberg um Keplers Mutter Katharina die Schlingen einer Anzeige als Hexe immer enger zogen. 1615 wurde sie vor dem Landesgericht angeklagt, und erst 1620 erreichte Kepler, damals schon in Linz, mit viel Mühe die Einstellung des Prozesses.

          Kepler erzählt von diesem Effekt seines wissenschaftlich-literarischen Spiels in einer der über zweihundert Anmerkungen, die er seinem "Traum"-Text nach 1620 anfügte. Mit Blick auf eine Veröffentlichung nämlich, die dann erst 1634, vier Jahre nach Keplers Tod, zustande kam und seinen "Gegnern der gerechte Lohn sein" sollte. Wobei man bei diesen Gegnern wohl ebenso an acharnierte Anti-Kopernikaner denken kann wie an jene "dumpfen Geister", die aus dem Text ihre Anwürfe im Hexenprozess zusammenbrauten.

          Lebensweisen der Mondmenschen

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