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Johannes Grave: Caspar David Friedrich : Hinterm Kreuze steht der Maler

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Bild: Verlag

Das Wesentliche sieht man nicht: Johannes Grave deutet Caspar David Friedrichs Gemälde und Zeichnungen in überzeugender Weise als Bildkritik mit bildnerischen Mitteln.

          5 Min.

          Dieses Buch hat Gewicht. Von der Sorte auch, die einen bei Büchern derart misstrauisch stimmt, dass man sie gleich der Kategorie der Coffee Table Books zuordnet. Kaum ein Buch hat jedoch diese Zuschreibung so wenig verdient wie die Studie von Johannes Grave über Caspar David Friedrich. So üppig die Aufmachung, so sympathisch bescheiden der Gestus, mit dem Grave diese mit einer Fülle an erhellenden Einsichten gespickte Monographie verfasst hat.

          Viel ist geforscht worden zu Friedrichs enigmatischem Werk, das in seiner Obsession für das Karge durchaus beklemmende Seiten hat: von den frühen motivgeschichtlichen Untersuchungen von Helmut Börsch-Supan bis zu den filigranen, Theologie und Ästhetik verschränkenden Bildanalysen von Werner Busch. Grave fügt diesen Erträgen einen neuen Aspekt hinzu, der das gesamte Werk in einem anderen Licht erscheinen lässt: als einen gemalten Kommentar zur Kritik am Bild, wie sie protestantischen Kulturen eigen ist, und zwar mit den spezifischen Mitteln des Bildes.

          Das hört sich komplizierter an, als es ist, und es gelingt Grave, diese theologisch wie kunsttheoretisch anspruchsvolle Denkfigur in wunderbar klarer Sprache zu vermitteln. Das Misstrauen gegen die Bilder ist älter als der Protestantismus; es hat ikonoklastische Bewegungen seit der Antike gespeist. Dabei geht es immer um die Gefahr, falsch zu verehren, nämlich ein Bild, das eben nicht ist, was es zeigt, etwas Göttliches. Und so laufen wir Gefahr, ein bemaltes Stück Holz oder Tuch anzubeten und damit, so die Sorge der Bilderfeinde, wie „Heiden“ und „Primitive“ Aberglauben oder Fetischismus zu frönen.

          Formen des Falschen

          Sozialisiert in einer lutherisch geprägten Umgebung und selbst innig glaubend, hat sich Friedrich diesem Problem offensiv gestellt. Statt uns seine stets von Transzendenzbegehren genährten Gegenstände zur einfühlenden Betrachtung vor Augen zu stellen, lässt der Maler Entzug regieren. Wir sehen gerade nicht, was wir zu sehen oder zumindest zu spüren wünschen, nämlich die Gegenwart Gottes im Irdischen. Die verheißungsvollen Rätsel werden auch bei genauer Betrachtung nicht aufgelöst und in Offenbarung verwandelt. Im Gegenteil: Lässt man sich intensiv und nahsichtig auf die Bilder ein, zerfällt das Ganze, und was wir sehen, sind die Machart und die Materialität der Darstellung. Keine Täuschungsmanöver also im Dienste einer falschen und fehlleitenden Offenbarung, sondern Offenlegung der Bedingungen der Möglichkeit, das Undarstellbare darzustellen.

          Es ist nun wiederum der Darstellungskunst des Verfassers zu verdanken, dass diese Überlegungen sich nicht im Abstrakten verlieren, sondern anschaulich und überzeugend aus den Bildanalysen entwickelt werden. Die Studie folgt den biographischen Stationen und macht die enge Verwobenheit von künstlerischer und persönlicher Entwicklung deutlich, ohne je ins Psychologisieren zu geraten. Gleich zu Beginn wird aufgeräumt mit falschen Bildern, nicht mit Fälschungen, wie Grave mit Blick auf die jüngeren Kunstskandale augenzwinkernd anmerkt, sondern mit viel gravierenderen Formen des Falschen.

          Klargestellt wird, dass Friedrich keineswegs naiv und in sich gekehrt vor sich hingearbeitet, sondern vielmehr äußerst aktiv versucht hat, seine Karriere zu befördern. So hat er immer wieder Probestücke nach Weimar geschickt, nicht nur an Goethe, dessen Urteil ihm wichtig war, sondern auch an den Hof, um damit die Chancen auf prestigeträchtige Ankäufe zu erhöhen. Auch stand der so deutsche Maler keineswegs von Anfang an auf Kriegsfuß mit den Franzosen. Porträts belegen einen regen Austausch, der erst mit der napoleonischen Besetzung und Friedrichs vehementem Patriotismus ein Ende fand.

          Der ungläubige Thomas

          Wie wichtig und prägend die frühen Jahre waren, macht Grave an Schriftblättern deutlich. Text und bildliche Elemente werden in ihnen nicht aufeinander abgestimmt, sondern treten in ein Konkurrenzverhältnis. So ist ein zu Mäßigung aufrufender Text von reicher Ornamentik umwuchert. Grave deutet diesen Konflikt als produktiven Umgang mit der Konkurrenz von Lesen und Sehen, die für Friedrichs Kritik der Kritik am Bild entscheidend ist. Eindringlich wird das vorgestellt in der genauen Betrachtung einer programmatischen Kreidezeichnung, die eine alte Frau mit Sanduhr und Buch zeigt.

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