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Johannes Fried: Karl der Große. : Der Kriegsherr als Erneuerer von Wissen und Gelehrsamkeit

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Bild: Verlag C. H. Beck

Herrschen im Dienste Gottes: Der Frankfurter Historiker Johannes Fried erweckt mit seiner Biographie Karls des Großen das frühe Mittelalter zu glanzvollem Leben.

          „Greift nur hinein ins volle Menschenleben!“ So rät im „Faust“ die Lustige Person dem Dichter: „Ein jeder lebt’s, nicht vielen ist’s bekannt, und wo Ihr’s packt, da ist’s interessant.“ - Johannes Fried hat den Ratschlag beherzigt: Für seine Biographie Karls des Großen hat er hineingegriffen ins volle Menschenleben - und interessant ist sie geworden! Mit 632 Seiten Text (und mehr als siebzig Seiten Endnoten) malt der Frankfurter Mediävist sein Bild Europas vor 1200 Jahren, monumental und doch quellennah, farbig, anschaulich, prallvoll von Details. Es ist ein Buch geworden, dessen Beredsamkeit jener seines Helden nur angemessen ist: „Er war in seiner Eloquenz reich begabt und außerordentlich“, berichtet Karls erster Biograph Einhard über den Frankenkönig.

          Fried verschweigt seinen Lesern nicht, wo der Historiker an seine Grenzen stößt. Über Karls Persönlichkeit wissen wir allzu wenig. Was der König gedacht, gefühlt, geplant, gehofft hat, das bleibt dem Blick der Geschichtswissenschaft verborgen. So reich die Überlieferung aus den Jahrzehnten um 800 auch sein mag - Selbstzeugnisse des Königs sind kaum greifbar. Wir kennen einige lapidare Kommentare zu einer theologischen Abhandlung über die Verehrung von Bildern, Bemerkungen, die von Karl selbst stammen dürften.

          Einzelfälle statt Funktionszusammenhänge

          Erhalten hat sich ein Schreiben des Königs an Fastrada, eine seiner vielen Frauen. Vielleicht hören wir Karls Stimme leise in dem einen oder anderen Erlass, der überliefert ist. Fried liest darüber hinaus mutig die sogenannten „Reichsannalen“, die seit den späten 780er Jahren am Karlshof verfasst wurden, als ein Selbstzeugnis des Königs. Viel mehr aber hat kein Historiker zur Hand, der sich ein Bild von dem Menschen Karl machen will. Was also tun?

          Fried nutzt für seine Biographie ein interessantes Verfahren: Er löst sich über weite Strecken von Karl und seinem Handeln. Stattdessen macht er sich daran, vor dem inneren Auge des Lesers ein möglichst detailgenaues Bild von Karls Lebenswelt zu evozieren. Fried analysiert nicht die Strukturen der Zeit, folgert nicht nüchtern aus quantitativen Befunden, sucht nicht nach großen Entwicklungen, Brüchen, Funktionszusammenhängen, Kausalitäten. Er beschreibt immer neue Einzelfälle des achten und neunten Jahrhunderts, weit über die Zeit Karls hinaus, mit liebevollem Blick für jede Kleinigkeit.

          Ferne Welten mit virtuellen Leben erwecken

          Wozu den Leser konzis, aber wissenschaftlich trocken über die Entstehung, Entwicklung und Verbreitung des „bipartiten Systems“ und der „Villikationsverfassung“ informieren? Statt graue Theorie zu entfalten, erzählt Fried Verwaltungsschriftgut nach: „In Annapes wurden registriert: 51 ältere, fünf dreijährige, sieben zweijährige Stuten und ebenso viele diesjährige Stuten, zehn zweijährige und acht einjährige Füllen, drei Zuchthengste gefolgt von 16 Ochsen, zwei Eseln, 50 Kühen mit Kälbern, 20 Jungstieren, 38 einjährigen Kälbern, drei Stieren, 260 ausgewachsenen Schweinen, 100 Ferkeln und anderes mehr.“ So geht es wortgewaltig fort und fort, oft über Seiten.

          Zwar gerinnen die vielen Details durchaus nicht immer zum Argument einer historischen Analyse. Das müssen sie aber auch gar nicht, denn sie haben für das Buch eine andere Funktion: Sie rufen Bilder auf, generieren in ihrer Fülle unmittelbar Anschaulichkeit, erwecken eine ferne, vergangene Welt zum virtuellen Leben. Das gelingt Fried großartig.

          Gottes Gnade durch gut geformte Christen

          In diese Welt hinein, deren Strukturen zwischen 700 und 900 wie stillgestellt wirken, setzt Fried seinen Karl. Der ist hier ein König der Franken, der seine Herrschaft noch legitimieren muss - hat doch erst sein Vater den letzten König aus der Familie der seit Jahrhunderten regierenden Merowinger gestürzt. So braucht Karl Kriege und Siege, muss Beute machen, um als König Akzeptanz bei den Magnaten zu finden. Schon als Kind 754 vom päpstlichen Pomp beeindruckt, wird Karl bei seinem Kriegszug gegen Desiderius, den König der Langobarden, in Italien 773/74 überwältigt von einer Kultur, die noch vieles von der antiken Welt bewahrt hat.

          Der Franke verschließt sich den neuen Eindrücken nicht, sondern eifert dem Vorbild auch nördlich der Alpen nach. Wer für irdische Herrschaft Gottes Gnade finden will, so glaubt Karl, muss gute Christen formen, muss daher die Heiligen Schriften verstehen, muss folglich lateinische Texte zu deuten wissen. So wird der Kriegsherr im Dienste Gottes zugleich zum epochalen Erneuerer von Wissen und Gelehrsamkeit.

          Kein Kaiser wider Willen

          Das Kaisertum ist letztlich nur die Konsequenz daraus: Wer das Ende der Zeiten und das Jüngste Gericht nahe glaubt, der will zuvor noch gottgefällige Ordnung schaffen. Dazu aber gehört es, dass jedem Ding auch sein Name entspricht. Zum mächtigsten Herrscher im Westen aufgestiegen, muss Karl seinen Rang in seinem Titel abbilden; sonst wäre die gottgewollte Ordnung gestört. Frieds Karl ist kein Kaiser wider Willen, auch kein glücklicher Profiteur einer kontingenten Konstellation im Rom des Jahres 799; er strebt schon spätestens seit 797 selbst nach dem Kaisertum.

          Am Ende kommt diese Biographie demnach ganz anders daher als die schlanke „Streitschrift“ über den Canossagang Heinrichs IV., mit der Johannes Fried im vergangenen Jahr das Fach zu reger Diskussion angestachelt hat. Sein neues Buch lebt nicht von der einen großen, aufwühlenden, auch provokanten These; es lebt von Vielfalt und Anschaulichkeit im Detail. Was kümmert es da, dass manches in Frieds Gemälde unberührt bleibt von den Ansichten der moderni? Das Lehnswesen etwa sieht Fried schon zur Zeit Karls sich kräftig entfalten, Vasallität hält er auch jetzt bereits für ein Bindemittel zwischen dem König und den Grafen und anderen Magnaten. Kaum einer der Jüngeren würde heute noch diese überkommenen Annahmen so kühn wiederholen!

          Eindrucksvolles Gesamtbild des frühen Mittelalters

          Auch was Fried über ethnische Identitäten im Karlsreich schreibt, über die Entwicklung des Lateinischen oder die Praxis der Mehrsprachigkeit hält gegen neuere Thesen an Bewährtem fest. „Die Grundherrschaften des Adels waren der Einwirkung des Königs entzogen“, notiert Fried - und der Leser sieht das so eindrucksvoll geschlossene Lehrgebäude der deutschen Verfassungsgeschichte der dreißiger bis siebziger Jahre noch einmal vor sich, die Lehre von der autogenen Adelsherrschaft. Auch wäre da noch ein kleiner sachlicher Fehler zu korrigieren: Kein erwachsener Mensch, so schreibt Fried, „erinnert sich, wann und wie er den ersten seiner zwanzig Milchzähne verlor“. Hier muss der Rezensent widersprechen.

          Doch genug der Quisquilien: Johannes Fried hat uns viel mehr geschenkt als nur eine Lebensbeschreibung eines einzelnen Menschen - ein eindrucksvolles Gesamtbild des frühen Mittelalters. „Doch ins bekannte Saitenspiel mit Mut und Anmut einzugreifen, nach einem selbstgesteckten Ziel mit holdem Irren hinzuschweifen, das, alte Herrn, ist eure Pflicht. Und wir verehren euch darum nicht minder!“

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