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Johannes Fried: Karl der Große. : Der Kriegsherr als Erneuerer von Wissen und Gelehrsamkeit

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Gottes Gnade durch gut geformte Christen

In diese Welt hinein, deren Strukturen zwischen 700 und 900 wie stillgestellt wirken, setzt Fried seinen Karl. Der ist hier ein König der Franken, der seine Herrschaft noch legitimieren muss - hat doch erst sein Vater den letzten König aus der Familie der seit Jahrhunderten regierenden Merowinger gestürzt. So braucht Karl Kriege und Siege, muss Beute machen, um als König Akzeptanz bei den Magnaten zu finden. Schon als Kind 754 vom päpstlichen Pomp beeindruckt, wird Karl bei seinem Kriegszug gegen Desiderius, den König der Langobarden, in Italien 773/74 überwältigt von einer Kultur, die noch vieles von der antiken Welt bewahrt hat.

Der Franke verschließt sich den neuen Eindrücken nicht, sondern eifert dem Vorbild auch nördlich der Alpen nach. Wer für irdische Herrschaft Gottes Gnade finden will, so glaubt Karl, muss gute Christen formen, muss daher die Heiligen Schriften verstehen, muss folglich lateinische Texte zu deuten wissen. So wird der Kriegsherr im Dienste Gottes zugleich zum epochalen Erneuerer von Wissen und Gelehrsamkeit.

Kein Kaiser wider Willen

Das Kaisertum ist letztlich nur die Konsequenz daraus: Wer das Ende der Zeiten und das Jüngste Gericht nahe glaubt, der will zuvor noch gottgefällige Ordnung schaffen. Dazu aber gehört es, dass jedem Ding auch sein Name entspricht. Zum mächtigsten Herrscher im Westen aufgestiegen, muss Karl seinen Rang in seinem Titel abbilden; sonst wäre die gottgewollte Ordnung gestört. Frieds Karl ist kein Kaiser wider Willen, auch kein glücklicher Profiteur einer kontingenten Konstellation im Rom des Jahres 799; er strebt schon spätestens seit 797 selbst nach dem Kaisertum.

Am Ende kommt diese Biographie demnach ganz anders daher als die schlanke „Streitschrift“ über den Canossagang Heinrichs IV., mit der Johannes Fried im vergangenen Jahr das Fach zu reger Diskussion angestachelt hat. Sein neues Buch lebt nicht von der einen großen, aufwühlenden, auch provokanten These; es lebt von Vielfalt und Anschaulichkeit im Detail. Was kümmert es da, dass manches in Frieds Gemälde unberührt bleibt von den Ansichten der moderni? Das Lehnswesen etwa sieht Fried schon zur Zeit Karls sich kräftig entfalten, Vasallität hält er auch jetzt bereits für ein Bindemittel zwischen dem König und den Grafen und anderen Magnaten. Kaum einer der Jüngeren würde heute noch diese überkommenen Annahmen so kühn wiederholen!

Eindrucksvolles Gesamtbild des frühen Mittelalters

Auch was Fried über ethnische Identitäten im Karlsreich schreibt, über die Entwicklung des Lateinischen oder die Praxis der Mehrsprachigkeit hält gegen neuere Thesen an Bewährtem fest. „Die Grundherrschaften des Adels waren der Einwirkung des Königs entzogen“, notiert Fried - und der Leser sieht das so eindrucksvoll geschlossene Lehrgebäude der deutschen Verfassungsgeschichte der dreißiger bis siebziger Jahre noch einmal vor sich, die Lehre von der autogenen Adelsherrschaft. Auch wäre da noch ein kleiner sachlicher Fehler zu korrigieren: Kein erwachsener Mensch, so schreibt Fried, „erinnert sich, wann und wie er den ersten seiner zwanzig Milchzähne verlor“. Hier muss der Rezensent widersprechen.

Doch genug der Quisquilien: Johannes Fried hat uns viel mehr geschenkt als nur eine Lebensbeschreibung eines einzelnen Menschen - ein eindrucksvolles Gesamtbild des frühen Mittelalters. „Doch ins bekannte Saitenspiel mit Mut und Anmut einzugreifen, nach einem selbstgesteckten Ziel mit holdem Irren hinzuschweifen, das, alte Herrn, ist eure Pflicht. Und wir verehren euch darum nicht minder!“

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