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Jodi Kantor: „Die Obamas“ : Das Alphatier hinter der Nummer eins

Bild: Verlag

Wer den amerikanischen Präsidenten einschätzen möchte, muss seine Frau verstehen. Jodi Kantor beschreibt in einem Doppelporträt Barack und Michelle Obama.

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          Einmal angenommen, man befände sich gemeinsam mit den Obamas in einem Gefangenenlager und die beiden würden unabhängig voneinander Fluchtpläne schmieden. Wem würde man sich anschließen? Dem Präsidenten oder seiner Gattin? Gut möglich, dass man sein Schicksal letztendlich in die Hände Michelle Obamas legen würde, jedenfalls sofern man das Buch "Die Obamas" der "New York Times"-Journalistin Jodi Kantor gelesen hat. Denn Michelle Obama ist scheinbar derart perfektionistisch, dass man bei ihr in den besten Händen wäre. Im Zweifelsfall hätte man sie allerdings lieber zur Freundin und nicht zur Ehefrau.

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Michelle Obama hat sich aus einfachen Verhältnissen hochgearbeitet; sie hat in Princeton und Harvard studiert und in der Chicagoer Anwaltskanzlei Sidley & Austin gearbeitet, wo sie im Sommer 1989 Barack Obama kennenlernte. Er war ihr Praktikant, sie seine Mentorin. Michelle LaVaughn Robinson nahm ihn also gewissermaßen an die Hand, und es wäre naiv, die damalige Machtkonstellation unter dem Stichwort Beziehungsanfang abzuhaken, weil die hierarchischen Umstände, unter denen sich Menschen ineinander verlieben, die DNA ihrer Beziehung prägt. Im Grunde hat sich an dieser Konstellation auch wenig verändert, nur dass Barack Obama jetzt eben Präsident der Vereinigten Staaten ist - und Michelle die First Lady.

          Michelle Obama wollte ins Weiße Haus pendeln

          "Sie ist seine Sparringspartnerin, sein Frühwarnsystem, seine Alpha-Unterstützerin, seine Aufpasserin", schreibt Jodi Kantor. Es ist klar, dass eine Frau wie Michelle Obama wenig Interesse daran hat, sich in der Rolle der Gattin einzurichten, als carlabrunihaftes, hübsch anzusehendes Beiwerk, das hier und da rosafarbene Bänder durchschneidet, sich von amerikanischen Hausfrauen beklatschen lässt und in den dicken Ordnern von Laura Bush nachliest, wie das Anzünden des Weihnachtsbaums organisiert wird.

          Vielleicht war genau das der Grund, weshalb sie zu Beginn der Amtszeit ihres Mannes mit dem absurden Gedanken spielte, sie könnte in ihrem Chicagoer Zuhause wohnen bleiben und einfach ins Weiße Haus pendeln. Es überrascht nicht, bei Kantor zu lesen, wie schrecklich, wie unglücklich sich die First Lady in der ersten Zeit im Weißen Haus gefühlt hat, wie sehr sie offenbar darunter litt, eine Geisel des Secret Service zu sein, die nicht unbewacht zur Maniküre gehen konnte, geschweige denn zum Shoppen.

          Ein beeindruckender Idealismus

          Plötzlich saß Michelle Obama in einem Herrscherhaus mit hundertzweiunddreißig Räumen und fünfunddreißig Bädern auf sechs Etagen fest. Diese neue Lebenswirklichkeit war der denkbar größte Gegensatz zur South Side von Chicago, in die sie einst zurückgekehrt war, um etwas an der Basis zu bewegen, anstatt nur über die soziale Ungerechtigkeit im Land zu philosophieren.

          Wer Barack Obama verstehen möchte, muss seine Frau verstehen. Im Gegensatz zu Hillary Clinton misstraute Michelle Obama dem Politikgeschäft stets, weshalb sie nie eine politische Agenda verfolgte und stattdessen den Präsidenten gern mit moralischen Fragen zur Systemverlogenheit konfrontierte. Was hat am Ende der Einzelne davon? Dieser Idealismus ist einerseits beeindruckend, andererseits hat er etwas Penetrantes, weil er faktische Zwänge fort wischt, als seien sie lediglich eine lästige Angelegenheit. Kantor zitiert in ihrem Buch einen früheren Berater Obamas, der es so formulierte: "Die Regeln gelten für alle, und sich darüber zu beschweren, wie es in Washington läuft, ist so, als würde man weinen, weil es regnet."

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          Unser Autor: Oliver Georgi

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