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Jochen Voit: Ernst Busch - Die Biographie : Am liebsten hörte er seine eigenen Platten

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Bild: Aufbau

Ein Sänger der Barrikaden und der Einheitspartei: Jochen Voits Erzählung des Lebens von Ernst Busch macht ein Denkmal wieder lebendig und wahrt doch die gebotene Distanz.

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          Er war der Moritatensänger mit dem wilden Blick in der 1931 entstandenen Verfilmung der „Dreigroschenoper“, spielte gut zwei Jahrzehnte später über zweihundertmal den Galileo Galilei in Brechts eigener Inszenierung am Berliner Ensemble und verbrachte seine letzten Lebensjahrzehnte mehr oder weniger auf einem Denkmalsockel als singender Lehrmeister der Geschichte des Klassenkampfes. Durch seine exemplarische Biographie, die vom Kieler Matrosenaufstand 1918 über den Spanischen Bürgerkrieg bis zum Widerstand gegen die Nazis sich geradezu modellhaft in den Gründungsmythos der DDR einpasste, eignete sich Ernst Busch hervorragend zur Inthronisierung als eine der offiziellen Vaterfiguren des jungen Staates. Auch wenn persönlicher Ehrgeiz und launenhaft egomanisches Temperament ebenso wie berechtigtes Misstrauen das Verhältnis des Sängers und Schauspielers zur kulturpolitischen Bürokratie keineswegs konfliktfrei ließen und allein die komplizierte Geschichte seiner Mitgliedschaft oder Nichtmitgliedschaft in der SED Stoff für zahlreiche Anekdoten liefert - politisch konnte man sich auf ihn verlassen.

          Selbstherrlich und verletzlich

          So stand der Sechsundsiebzigjährige federführend auf der Liste jener Künstler, die 1976 die Ausbürgerung Wolf Biermanns rechtfertigten, gerade jenes Sängers, den man vielleicht als seinen einzigen sängerischen Erben ansehen könnte, der Busch heiß verehrte und von ihm eher kühl abgekanzelt wurde. Zur künstlerischen Gegenwart hatte Busch längst jede Beziehung verloren. Er ließ sich ehren in Gesangsveranstaltungen mit so strammen Titeln wie „Junge Generation würdigt ihr Vorbild Ernst Busch“ und setzte alle ihm zur Verfügung stehenden Hebel in Bewegung, um ein ihm nicht genehmes, weil ganz unheroisches Porträt des Malers Ronald Paris von der Dresdener Kunstausstellung 1972 verschwinden zu lassen. Bis heute ist das möglicherweise vernichtete, im Buch abgebildete Gemälde nicht wiederaufgetaucht. Dies ist eine der beispielhaften Episoden für die ebenso selbstherrliche wie empfindliche Persönlichkeit Buschs, die auch zeigt, welche Spannungen zwischen dem offiziellen Denkmal und dem irgendwie aus der Zeit gefallenen Künstler bestanden. Jochen Voit hat für dieses zuerst so weit ausgreifende und später immer mehr sich zusammenziehende Leben eine Formel gefunden, er erzählt es, wie er sagt, als „Geschichte einer Versteinerung“.

          Dreißig Jahre nach dem Tod von Ernst Busch präsentiert Voit mit seinem Buch jetzt die erste erschöpfende und nichthagiographische Biographie des „Barrikaden-Tauber“, des „Jung-Siegfried der KPD“, der Busch übrigens erst 1945, lange nachdem Alfred Polgar ihn so apostrophiert hatte, beitrat. Voit betrachtet das von ihm geschilderte Leben aus der Perspektive der Enkelgeneration. So gibt es lebensgeschichtlich gerade noch Berührungspunkte; der Autor war acht Jahre alt, als Busch starb.

          Fangemeinde im Westen

          Busch hatte, während er in der DDR als Sänger der Partei, die immer recht hat, nicht mehr viele Herzen eroberte, längst die sinnliche Seite der jungen westdeutschen Linken angesprochen. Vom Berufsverbot betroffene Lehrerinnen baten Busch in den siebziger Jahren um Hilfe, ohne indes Antwort zu erhalten, und unter den Hochzeitsgeschenken für Ulrike Meinhof und Rainer Röhl befand sich 1961 auch Buschs Exklusivaufnahme der „Ballade von der Hanna Cash“ mit persönlicher Widmung. Sie blieb, so zitiert der Autor Röhl, „ihr Lieblingslied“.

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