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Jochen Thies: Wir sind Teil dieser Gesellschaft : Reifen hier die neuen Preußen heran?

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Bild: Herder Verlag

Mit der Zahl der deutsch-türkischen Schulen wächst auch das Misstrauen gegenüber deren Gründer Fethullah Gülen: Jochen Thies hat sich die Bewegung genauer angesehen.

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          Kinder aus türkischen Zuwandererfamilien sind an Gymnasien unterrepräsentiert. Sie zeigen insgesamt schlechtere Leistungen und beenden ihre Schullaufbahn überdurchschnittlich oft ohne Abschluss. Dabei verfügen gerade die Zuwanderer vom Bosporus laut Kinder-Migrationsreport des Deutschen Jugendinstituts (DJI) über „hohe Aufstiegsorientierung sowie einen hohen Aufstiegsoptimismus“. Die Eltern begründen diese Diskrepanz mit mangelnder Chancengleichheit, „weil sie von Vorurteilen der Lehrer, zu wenig Förderung durch die Lehrkräfte und von einer schlechteren Beurteilung ihrer Kinder bei gleicher Leistung ausgehen“. Mit anderen Worten: Türkischstämmige Eltern misstrauen dem deutschen Bildungssystem.

          Die Gruppe derer, die das nicht mehr hinnehmen wollen, wächst. Schon in den neunziger Jahren entstanden Nachhilfeinstitute, inzwischen gibt es in Deutschland zwei Dutzend „türkische“ Schulen, in der Mehrzahl Gymnasien. Mehr als dreihundert Bildungseinrichtungen bemühen sich inzwischen, den Nachkommen türkischer Zuwanderer dabei zu helfen, ihre Schulziele zu erreichen. Der Berliner Autor Jochen Thies nennt das „eine Bildungsrevolution im Stillen“.

          Kritiker Fethullah Gülens

          Doch diese „Revolution“ behagt nicht allen. Denn deren Initiator ist Fethullah Gülen. Kritiker sehen in ihm den Anführer einer „Geheimorganisation“, welche die Weltherrschaft des Islams anstrebt. „Der Spiegel“ urteilte, Gülen sei „der Pate“, der sich als der „Gandhi des Islams“ inszeniere, in Wahrheit aber sei die Fethullah-Gülen-Bewegung „islamistisch“. Sie sei Teil des „tiefen Staats“ der AKP, eines dubiosen kriminellen Netzwerks von Politik, Justiz und organisiertem Verbrechen. Gülens „Einfluss auf die türkische Politik scheint ungebrochen“, seine Gegner würden in der Türkei verhaftet, zuletzt der Journalist Ahmet Sik wegen seines Buchs „Die Armee des Imam“, in dem Sik schreibe, „wie es der Gülen-Gemeinde gelungen ist, Polizei und Justiz zu unterwandern“.

          Die Publizistin Necla Kelek behauptete schon 2008 in dieser Zeitung, Gülen sei dabei, „ein weltweites Netz muslimischer Intelligenz heranzubilden, das einem machtbewussten islamischen Chauvinismus huldigt“. Er habe „einen weltweiten Verbund von Stiftungen und Schulen gegründet, der vor allem die neue muslimische technische Intelligenz heranbilden soll und wie eine Art Geheimsekte agiert“. Fethullahci, wie sich Gülens Anhänger nennen, hätten inzwischen Positionen bis in türkische Regierungskreise.

          Thies hält dagegen

          Der Berliner Publizist Jochen Thies kennt die Gülen-Bewegung seit 2009. Er schätzt ihren „Beitrag zur Integration - durch Bildung“ und ließ sich in den Beirat des Forums für interkulturellen Dialog einbinden. Zunächst, so Thies, habe er die Gülen-Bewegung mit den europäischen Bettelorden des Mittelalters verglichen, vielleicht sogar mit den Jesuiten. „Heute neige ich jedoch mehr der Auffassung des jüdischen Rabbiners Walter Homolka zu, dem Direktor des Potsdamer Abraham-Geiger-Kollegs, wonach die Bewegung an die Entwicklung des liberalen Judentums im neunzehnten Jahrhundert erinnere, an den Versuch, religiöse Identität mit Bildung und Integration in die säkulare Umwelt zu verbinden.“ Das Bild vom „Paten“ ist für ihn „ein Hirngespinst“.

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