https://www.faz.net/-gr3-ykk8

Jochen Kalka: Winnenden : Das Trauma nach den tödlichen Schüssen

Bild:

Jochen Kalka erzählt im Stakkato von den Folgen des Amoklaufs in Winnenden und macht sich dabei die Kritik an Medien und Politik etwas zu leicht.

          Die ersten vierzig Seiten sind reiner Horror. Sie handeln von dem Horror, der sich am 11. März 2009 in der Albertville-Realschule in Winnenden ereignet. Ein ehemaliger Schüler betritt das Gebäude und erschießt binnen drei Minuten zwölf Menschen; acht Schülerinnen, einen Schüler, drei Lehrerinnen. Er flüchtet und tötet drei weitere Menschen, bevor er sich selbst richtet.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Als „Amoklauf“ wird diese Tat notiert, davon ist in den ersten Meldungen die Rede, in den Nachrichten im Radio und im Fernsehen und in den Titelgeschichten der Zeitungen und Magazine. Doch da läuft niemand Amok, sondern erschießt jemand gezielt einen Menschen nach dem anderen, etliche in den Kopf. Es ist ein Massenmord, doch vor dieser Vokabel schreckt die Öffentlichkeit zurück. Und die Wirkung dieses Verbrechens insgesamt bleibt ihr verborgen. Was bedeutet es, wenn in einer Kleinstadt mit dreißigtausend Einwohnern auf einen Schlag fünfzehn Menschen einem Gewaltverbrechen zum Opfer fallen, die meisten Kinder, an einem Ort, der ein Hort der Sicherheit sein sollte?

          Ohne Schusswaffe kein Amoklauf

          Davon handelt Jochen Kalkas Buch „Winnenden. Ein Amoklauf und die Folgen“. Im Untertitel verwendet er den Begriff „Amoklauf“, gegen den er sich aber ein ums andere Mal wendet. Er spricht von „Massenmord“, er spricht von einem Mörder, und er klagt an - den Vater des Täters, die Medien, die zu reißerisch und den Täter heroisierend berichteten und die Politik, die keine wirksamen Maßnahmen ergreife, eine Tat wie diese zu verhindern, etwa mit dem Verbot von Killerspielen, vor allem aber mit einem erschwerten Zugang zu großkalibrigen Waffen, die es im Elternhaus des siebzehnjährigen Täters zuhauf gab.

          Warum müssen Schützenvereine, wenn es ihnen um „Sport“ geht, mit großkalibrigen Waffen hantieren, die sie bis in die jüngere Vergangenheit gar nicht hatten? Warum bekommen Kinder und Jugendliche Umgang mit den Ballergeräten? Das fragt Kalka; mit ihm fragen es die Hinterbliebenen der Opfer, mit ihm fragen es alle, die Kinder im schulpflichtigen Alter haben, und eigentlich muss sich dies die gesamte Gesellschaft fragen angesichts all der Waffen, die in diesem Land legal und illegal im Umlauf sind. Wer keine Schusswaffe hat, kann keinen „Amoklauf“ mit derart vielen Opfern anrichten, so lautet die schlichte und bezwingende Logik des Autors, die er in seinem Buch wie ein Mantra wiederholt.

          Ein Dokument des Schreckens

          Kalka wiederholt und schreibt im Stakkato. Er beschreibt, wie seine Frau, die Lehrerin ist, den Morgen des 11. März 2009 erlebt, wie sie um ihre Kinder bangt, die das Gymnasium besuchen, das direkt neben der Albertville-Realschule liegt. Er schildert, wie er selbst von der Tat erfuhr, 250 Kilometer von Winnenden entfernt, in der Münchner Redaktion einer Zeitschrift, deren Chefredakteur er ist. Und er zeichnet nach, wie eine Mutter davon erfuhr, deren Tochter an diesem Tag nicht nach Hause kam.

          Dem Stil nach gleicht das der Medienberichterstattung, die Kalka angreift. Es ist unmittelbar, atemlos, es ist ein Dokument des Schreckens, vor allem in den Passagen, in denen Kalkas Töchter zu Wort kommen. Wer macht sich eine Vorstellung davon, wie es ist, sich an einem ganz normalen Tag plötzlich wie im Krieg zu fühlen und sich - nach den ersten Stunden - glücklich zu schätzen, schon mal eines der beiden Kinder zurückzuhaben? Und dann das zweite. Während andere Eltern die Schüler vom Tatort weglaufen sehen: „Noch ein Kind, noch eines. Dann kommt keines mehr. Leere. Ungläubigkeit. Wo bleibt sie denn, ihre Tochter? Sie kommt nicht.“

          Pauschale Urteile

          So handeln die ersten Seiten dieses Buchs von einem Martyrium. Aber dann folgt - wenig. Kalka beobachtet und beschreibt zwar, wie sich Winnenden als Gemeinwesen nach der Tat zusammenfindet, wie schwer das Trauma für alle wiegt, die unmittelbar und mittelbar betroffen waren, dass nichts mehr ist, wie es war, vor allem für die Kinder. Aber er unternimmt dies aus der Perspektive des Halbzugereisten, zitiert und addiert Zeitungsartikel, pflichtet wenigen Kommentatoren bei, verdammt die meisten - von der „Bild“-Zeitung bis zum „Spiegel“ - und wird immer oberflächlicher. Seine Botschaft - weg mit Killerspielen, nieder mit den Waffen - will man sofort unterschreiben, seine pauschalen Urteile über „die“ Medien, die er an einer Stelle „Meuchelmedien“ nennt, und oftmals über „die“ Politik aber irgendwann nicht mehr. Denn sie ist zu undifferenziert, in der Forderung gipfelnd, über ein Verbrechen wie jenes in Winnenden nur ganz klein, am besten gar nicht zu berichten.

          Wie fahrig verfasste Tagebuchnotizen wirken die Kapitel, die der Beschreibung der ersten Tage und Wochen nach dem Massenmord folgen. Es sind anrührende Stellen darunter, etwa wenn Kalka von einem Konzert erzählt, dass der Popsänger Chris de Burgh in Winnenden gibt, ganz ohne Presseauflauf, für ein kleines Publikum, dem er seine Anteilnahme ausdrücken und ein paar Stunden der Ablenkung schenken will. Am Ende kommt Kalka darauf, dass man auch ihm vorhalten könne, was er den Journalisten vorwirft - er schreibt schließlich ein Buch über das Verbrechen. Soweit will man nicht gehen. Der Autor hätte es aber viel besser machen und also denen, die er ins Gebet nimmt, weniger gleichen sollen, nein: müssen. Denn sein Thema fordert eine Analyse, die wirklich zu Veränderung beiträgt.

          Weitere Themen

          Hoffnung im Angesicht der Apokalypse Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Endzeit“ : Hoffnung im Angesicht der Apokalypse

          Blutverschmierte Münder, abgehackte Gliedmaßen und Non-Stop-Action – so kennt man als geneigter Zuschauer das Zombiefilm-Genre. Wie sich der deutsche Film „Endzeit“ dagegen abhebt und warum man gerade als Nicht-Zombie-Fan den Gang ins Kino wagen sollte, erklärt F.A.Z.-Redakteur Andreas Platthaus.

          Topmeldungen

          Johnson in Paris : Der eiserne Herr Macron

          Beim Besuch von Boris Johnson betont Präsident Macron die Einigkeit Europas – und bekennt sich zu seinem Ruf, in der Brexit-Frage ein Hardliner zu sein. Zugeständnisse will er gegenüber dem Gast aus London nicht machen – erst recht nicht beim Backstop.

          FAZ.NET-Serie Schneller schlau : Kind oder Porsche

          Die Frauen in Deutschland bekommen ihr erstes Kind deutlich später, im Durchschnitt sind sie mittlerweile älter als dreißig Jahre. Wie aber hängt die Kinderzahl mit dem Bildungsgrad zusammen? Und was kostet ein Kind eigentlich, bis es erwachsen ist?
          Alaa S. am Donnerstag vor Gericht in Dresden

          Messerattacke auf Daniel H. : Lange Haftstrafe im Chemnitz-Prozess

          Im Prozess um den gewaltsamen Tod des 35-jährigen Daniel H. hat das Landgericht Chemnitz den Angeklagten Alaa S. zu neuneinhalb Jahren Haft verurteilt. Der Prozess fand aus Sicherheitsgründen in Dresden statt.

          Disney-Schauspieler in Kritik : Echte Menschen sind anstrengend

          Walt Disney macht aus Zeichentrick-Klassikern erfolgreich Realfilme. Mit der Auswahl der Schauspieler geben sich manche Zuschauer nie zufrieden. Aber wie sollen Menschen denn je einer Zeichentrickfigur entsprechen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.